Technologie und Tradition

Technologie und Tradition
Sendestudios des Österreichischen Rundfunks, Landesstudio Burgenland (Eisenstadt). By Deneb (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Architektur 1982:

»Nichts ist so gefährlich, als modern zu sein; man läuft Gefahr, plötzlich ganz altmodisch zu werden.« Man könnte die Situation der Architektur im Jahre 1982 kaum treffender charakterisieren als mit den Worten des englischen Schriftstellers Oscar Wilde. High-Tech und Funktionalismus werden infrage gestellt, der Fortschrittsglaube der 60er und 70er Jahre ist erschüttert. Wo eben noch avantgardistische Strömungen Nutzung und technische Perfektion zum Gestaltungsprinzip eines Bauwerks machten, wird nun der Ruf nach einer »erzählenden« Architektur, nach symbolischen Formen und historischen Anspielungen unüberhörbar.

Die INMOS-Fabrik in Newport/Wales, die in diesem Jahr fertiggestellt wird, spiegelt noch die technologische Euphorie des vergangenen Jahrzehnts wider. Sie ist ein Werk des Briten Richard Rogers, der in Paris zusammen mit Renzo Piano das spektakuläre Centre Pompidou errichtet hat. Hier nun bestimmt ästhetisch wie statisch ein blaues Metallskelett aus H-Trägern, Zuggliedern und Querstreben den Bau. Zusammen mit silbernen und gelben Versorgungsrohren ist es der einzige »Schmuck« der breit gelagerten, symmetrischen Anlage. Vorbild für das Zurschaustellen der Konstruktionselemente und ihrer Funktion ist letztendlich die gotische Baukunst.

Der Wiener Gustav Peichl macht mit den Sendestudios des Österreichischen Rundfunks auf sich aufmerksam: In Eisenstadt, dem von sechs realisierten Projekten, geht er spielerisch mit technologischen Elementen um: Lüftungsrohre tragen spitze Helme und Wetterfahnen. Seine ansonsten auf die 20er Jahre zurückgreifenden, maschinenhaften Anlagen werden als »ironische Realisierung des österreichischen Traumes von einer eigenen Kriegsflotte« bezeichnet.

Südlich der Alpen wird das Erbe traditioneller Bautypen lebendig: Mit der Schule in Broni vollendet der Mailänder Aldo Rossi 1982 eine Anlage, deren Grundriss an den Kreuzgang eines Klosters erinnert. Vier Flügel mit Klassenzimmern umfassen einen Hof, in den die achteckige Aula wie ein mittelalterliches Brunnenhaus hineingestellt ist. Die Schönheit geometrischer Strukturen und die Erinnerung an historische Bautypen sollen dem – nach seiner Ansicht drohenden – Verfall ästhetischer Wertmaßstäbe Einhalt gebieten. Auch der Tessiner Architekt Mario Botta experimentiert mit klaren Strukturen und geschichtsträchtigen Elementen: Seine Casa Rotonda in Stabio ist ein zylindrischer, wehrhafter Bau, einem romanischen Turm nicht unähnlich. Das abweisende Äußere wird durch einen Glasspalt und eine die Mauer durchschneidende Glaswand gemildert. Im Gegensatz zu Rossi, für den Architektur immer auch Städtebau ist, steht Bottas Einfamilienhaus als »autonome« d.h. eigenen Gesetzen gehorchende Architektur in denkbar großem Kontrast zu der umgebenden Vorstadtsiedlung.

Die Rückbesinnung auf traditionelle Bauformen erfasst nicht nur Europa: Das Dorf für die Teilnehmer an den Asiatischen Spielen in Delhi (Architekt: Raj Rewell) ist jahrhundertealten indischen Siedlungsformen nachempfunden.

Die meiste Beachtung unter den Neubauten des Jahres 1982 findet jedoch ein Museumsbau, das am 23. Juni eingeweihte Museum am Abteiberg in Mönchengladbach. Der Wiener Architekt Hans Hollein schuf eine neuartige »Museumslandschaft« mit Terrassen, quadratischen Sheddach-Hallen und einem Punkthochhaus, die sich dem Hang des Berges anpasst Der Komplex verschiedenartiger Bauten ist wie eine Collage bildhaft zusammengefügt. Den Kunstwerken wird individueller Raum zugestanden; der Besucher erlebt immer neue Durch- und Einblicke. Als Gegenmodell zum lange gepflegten »Containerbau«, der alle Funktionen unter einem Dach vereinte, wird das Ensemble am Abteiberg zukunftsweisend für den Museumsbau.