Vielfältige Einrichtungsstile

Wohnen und Design 1982:

Anfang der 80er Jahre gibt es bei der Gestaltung von Einrichtungen keine einheitliche Linie. Vielmehr entwickeln sich nebeneinander gegenläufige Designkonzepte, die allerdings eine gemeinsame Grundlage haben. Die Designer nehmen die früher geltende Einheit von Form, Material und Funktion nicht mehr als unabdingbar hin, sie kommen aber bei der Auseinandersetzung mit diesem Grundsatz zu den unterschiedlichsten Ergebnissen.

Am radikalsten wird die Ausgewogenheit zwischen Konstruktion und Zweck bei der Gruppe »Memphis« aufgehoben, die im September 1982 auf der Mailänder Möbelmesse ihre zweite Kollektion vorstellt. Ihre Möbel stellen quasi Kollagen aus verschiedenen Formen, Stilrichtungen und Materialien dar, die häufig verzerrte Proportionen und für den praktischen Gebrauch ungeeignete Elemente aufweisen. Die Funktionalität der Möbelstücke wird damit zweitrangig; sie sollen vielmehr für sich stehende »Objekte« sein, die eine ganz eigene Wirkung ausstrahlen.

Die Designer machen so ihr Unbehagen an einer Gesellschaft deutlich, die sich ganz an der Steigerung von Produktion und Konsum orientiert. Die Möbel-Kunstwerke aus den »Memphis«-Kollektionen sperren sich gegen Massenproduktion und leichte Konsumierbarkeit, sie wollen durch ihre stilistischen Brechungen Reflexionen in Gang setzen.

Eine solche Disharmonie liegt auch dem sog. High-Tech-Design zugrunde, dem u.a. der Italiener Mario Botta verpflichtet ist. Hier werden technische Elemente aus der Industrie, die nicht ästhetischen, sondern ausschließlich funktional-ergonomischen Gesichtspunkten genügen sollen, in den Wohnbereich hineingetragen. Die so konzipierten Möbelstücke bestehen aus Stahlblechen und Aluminiumgestängen, Drahtgittern und Kunststoffelementen, die häufig aus der Serienproduktion stammen. Daneben kommen jedoch auch verfremdete Materialien wie verrostete oder zerbeulte Stahlelemente zum Einsatz, die quasi aus ferner Zukunft einen Rückblick auf die moderne Industriegesellschaft eröffnen.

Eines der wichtigsten Gebiete der High-Tech-Designer ist die Beleuchtung. Auch hier übertragen sie Charakteristika der Arbeitsplatzgestaltung auf den häuslichen Bereich. Halogen- und Niedervolt-Lampen eröffnen hierbei Möglichkeiten, die Lampengehäuse und -schirme im herkömmlichen Sinn überflüssig machen.

Eine Gegenbewegung zum ausladend-spielerischen »Memphis«-Design ist die Gruppe der Minimalisten, denen u.a. der Franzose Philippe Starek angehört. Die Designer dieser Richtung bemühen sich, Möbelstücke auf ihre Grundstruktur zurückzuführen und dabei aller Stilmerkmale zu entkleiden. Charakteristisch hierfür ist u.a. der völlige Verzicht auf Muster und Farben. Flächenteile sind fast immer schwarz oder metallisch. Getragen wird diese Design-Bewegung von dem Bedürfnis nach essenziellen Formen, deren Gestaltung nicht von Modeströmungen abhängig ist.

Wenn auch die Designermöbel in ihrer ursprünglichen Gestalt exklusive Objekte bleiben, finden doch ihre Merkmale in vielfältiger Form Eingang in die Gestaltung von seriengefertigten Einrichtungsgegenständen. Auch Möbelhersteller, die bislang als eher konservativ galten, sind nun daran interessiert, das oft gesichtslos-klassische Erscheinungsbild ihrer Produkte zu verändern, um neue, finanzkräftige Käufergruppen anzusprechen. Dies erscheint umso erfolgversprechender, als in den westlichen Industriestaaten seit der Studentenrevolte Ende der 60er Jahre ein Wandel von einer »Kultur des Seins« zu einer »Kultur des Habens« eingetreten ist, wie der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 – 1980) es formuliert hat. Die Einrichtung der eigenen Wohnung wird damit zum Ausweis einer progressiven Einstellung und soll die Individualität, den »Lifestyle« ihres Besitzers sichtbar werden lassen.