Wohlstand prägt Ernährung

Ernährung, Essen und Trinken 1982:

Zu viel, zu fett, zu süß, zu salzig: Diese Merkmale kennzeichnen weiterhin die Ernährungsgewohnheiten der Bundesbürger. Statt der gesundheitlich empfohlenen 2400 kcal nimmt der Durchschnittsesser in der Bundesrepublik Deutschland täglich fast 3000 kcal zu sich. Der Anteil der Fette liegt dabei fast doppelt so hoch wie empfohlen. Der Zuckerverbrauch beträgt 1982 fast 36 kg pro Kopf, der Salzverbrauch 5,76 kg.

Ein Vergleich mit den Ernährungsgewohnheiten vor 30 Jahren macht den Wandel deutlich: Fleisch und Eier – beides typische Wohlstandskost – werden mehr als doppelt so viel verzehrt wie zu Beginn der 50er Jahre. Der Verbrauch der wichtigen Kohlenhydratspender Brot und Kartoffeln ging dagegen stark zurück. Weit häufiger kommen nun jedoch Obst und Gemüse auf den Tisch. Als typisches Wohlstandsmerkmal gilt auch der Verbrauch alkoholischer Getränke. Pro Kopf der Bevölkerung werden 148 l Bier sowie 25 l Wein und Sekt getrunken. Im Wirtschaftsjahr 1950/51 lagen die Mengen bei 37 l bzw. 6 l.

Eine weitere Veränderung der Ernährungsgewohnheiten ist auf den Wunsch nach Arbeitserleichterungen und Zeitersparnis bei der Vor- und Zubereitung der Mahlzeiten zurückzuführen. In den Regalen der Supermärkte findet sich ein kaum noch überschaubares Angebot an vorverarbeiteten Produkten – Fertiggerichte in Dosen, tiefgekühlt oder in Pulverform, Backmischungen und vorgebackene Brötchen. Um Nährstoff- und Geschmacksverluste auszugleichen, die durch die Konservierungsverfahren entstehen, werden diese Produkte oftmals mit Vitamin- oder Eiweißzusätzen, Geschmacksverstärkern und Aromastoffen »aufgebessert«.

Auch dem Bedürfnis der Verbraucher nach einer »gesünderen« Kost kommen die Lebensmittelhersteller stärker entgegen. So werden eine Reihe von »kalorienreduzierten« Nahrungsmitteln angeboten; ebenso kommen Produkte auf den Markt, die einen geringeren Zucker-, Salz- oder Cholesteringehalt als vergleichbare Lebensmittel aufweisen.

Allerdings ist bei einer wachsenden Zahl von Verbrauchern ein allmählicher Umdenkprozess zu beobachten. Viele von ihnen sind durch Meldungen über Schadstoffbelastungen in der Nahrung aufgeschreckt worden. So wirken die 1980 zuerst bekanntgewordenen Hormonfunde in Kalbfleisch immer noch nach. 1982 sorgt ein weiterer Fleischskandal für Aufsehen: In mehreren Bundesländern sollen Händler insgesamt etwa 1 Mio. kg Esel-, Maulesel- und Pferdefleisch, das aus nicht zugelassenen Schlachthöfen in Brasilien, Kanada, Marokko und Uruguay stammte, als Rind und Schwein an Wurstfabriken veräußert haben. Außerdem sollen sie etwa 250 000 kg Kängurufleisch das in Australien als Hundefutter verwendet wird, illegal importiert und als Wild auf den Markt gebracht haben, obwohl es teilweise salmonellenverseucht war.

Aber nicht nur in Bezug auf Fleisch gibt es immer wieder Warnmeldungen. Auch von verschiedenen Gemüsesorten ist zu lesen, dass sie durch die Anbaumethoden mit Kunstdünger und diversen chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln eine Reihe von Giftstoffen anreichern, die auf die Dauer die Gesundheit schädigen können. Wachsende Umsatzzahlen in Reformhäusern und Bioläden zeigen, dass diese Meldungen nicht ungehört verhallen.

Auch der Gesetzgeber reagiert 1982 auf die Schadstoffbelastung von Lebensmitteln. Am 24. Juni wird eine Pflanzenschutzmittel-Höchstmengenverordnung erlassen. Am 9. Dezember verabschiedet der Bundestag eine Änderung des Arzneimittelgesetzes, um den Einsatz von Medikamenten bei der Fleischerzeugung stärker einzuschränken. Eine weitere neue Verordnung dient ebenfalls dem Schutz der Verbraucher: Vom 26. Oktober an müssen Zigarettenpackungen mit einem Hinweis auf die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens versehen werden.