Abkehr von der Moderne

Abkehr von der Moderne
The Portland Building, in Portland, Oregon, August 1982. Von Michael Graves. By Steve Morgan (Own work) [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Architektur 1983:

Die internationale Architektur-Szene 1983 steht ganz im Zeichen der Postmoderne. Ihre Vertreter brechen gezielt mit den Idealen der modernen Architektur, wie sie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe oder Le Corbusier geprägt haben. Rationalität und Klarheit gelten als überholt und der radikal veränderten Wirklichkeit des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht länger angemessen.

Hatten die Hochhäuser des »International style« noch in den 60er Jahren mit monotonen Glas- und Stahlkonstruktionen bedingungslos der Maxime »Form folgt der Funktion« gehuldigt, will die Avantgarde der 80er das Funktionalismus-Diktat der Moderne spielerisch überwinden. Typisch für die Postmoderne ist die Verwendung konstruktiv funktionsloser, gewollt »überflüssiger« Ornamente. Baustile verschiedener historischer Epochen werden als »Zitate« frei kombiniert und kontrastiert. So finden sich antike Säulenreihen neben gotischen Spitzbögen und klassizistischen Freitreppen. Ähnliches gilt für die verwendeten Baustoffe. Beton – für die Moderne lange Zeit das bevorzugte Material – ist nicht mehr die einzig denkbare Lösung. Marmor und Naturstein finden ebenso wie Wellblech oder Kunststoffe Verwendung.

Kritiker werfen den Befürwortern postmodernen Bauens deshalb Beliebigkeit und Eklektizismus vor. Architektur gerate zur Reise durch die Kunstgeschichte und erschöpfe sich in formalen Experimenten und ästhetischen Spielereien, lasse die sozialen und emotionalen Bedürfnisse ihrer Bewohner aber unberücksichtigt.

The Portland Building, in Portland, Oregon, August 1982. Von Michael Graves. By Steve Morgan (Own work) [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

The Portland Building, in Portland, Oregon, August 1982. Von Michael Graves. By Steve Morgan (Own work) [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Das Public Service Building von Michael Graves in Portland/Oregon (1980-1983) ist der mit öffentlichen Mitteln finanzierte Großbau der Postmoderne. Das würfelförmige Hauptvolumen ist auf einen Sockel gehoben. Die Schmuckelemente erinnern an die US-amerikanische Variante des Art déco. Verschiedene Statuen, Fassadenapplikationen und Dachaufbauten sollten die Monumentalität des Gebäudes mildern. Die Ausführung der Details scheiterte jedoch am Einspruch der Bauherren. Mit dem klobigen Steinquader setzt Graves bewusst einen Kontrapunkt zu den »klassischen« Wolkenkratzern, die durch reflektierende Glas- oder Metallfassaden Leichtigkeit und Transparenz suggerieren wollen.

Richard Meier, wie Graves Mitglied der berühmten Architektengruppe »New York Five«, orientiert sich demgegenüber auch weiterhin am Rationalismus der 20er und 30er Jahre. Meiers Entwurf für das High Museum of Art in Atlanta (1980-1983) basiert auf drei die Ecken eines Quadrats besetzenden Kuben. Zur vierten Ecke schließt sich der Bau mit einem großzügig verglasten Viertelkreis. Die Nähe zu Le Corbusiers abstrakter, vom Licht modellierter Architektur zeigt sich bei Meier besonders in der Verwendung strahlend weißer Fassaden. Der Architekt erklärt seine Vorliebe für Weiß: »Vor einer weißen Oberfläche lässt sich das Spiel von Licht und Schatten, von Einschnitten und Flächen am besten verstehen…«

Ebenfalls nach Meiers Plänen entsteht am Frankfurter Mainufer das Museum für Kunsthandwerk (1979-1984). Es ist nur ein Beispiel für den Boom im Museumsbau, der Anfang der 80er Jahre herrscht. Erst 1982 wurde Hans Holleins Museum Abteiberg in Mönchengladbach (1972-1982) eröffnet, und die Württembergische Staatsgalerie in Stuttgart von James Stirling (1977-1984) steht kurz vor der Fertigstellung.

Als Sensation wird von der Fachwelt das California Aerospace Museum von Frank O. Gehry in Los Angeles gefeiert. Für den Komplex wurden kantige Volumen ohne erkennbare Vermittlung aufgetürmt. So entsteht der Eindruck, das Gebäude drohe auseinanderzubersten und sich zu »desorganisieren« (Gehry). Mit dem Zusammenspiel von Konstruktion und Dekonstruktion zeichnet sich bei Gehry bereits die Überwindung der Postmoderne ab. Er gilt als Wegbereiter der sog. dekonstruktivistischen Architektur.