Moderne in der Defensive

Architektur 1984:

»Wiedergeburt des Wolkenkratzers«,»dekorierte Kiste«, »Ästhetik eines Don Quijote«: Kein Bau der letzten Jahrzehnte hat eine derart kontroverse Diskussion ausgelöst, wie das AT & T Building in New York, das 1984 vollendet wird. Mit dem Verwaltungsbau einer Telefongesellschaft wird schlagartig offenbar, was sich in den letzten Jahren andeutete: Die Architektur der Moderne und ihre kompromisslose Formgebung haben sich überlebt. Die Dekoration, und mit ihr der Rückgriff auf Vergangenes, feiern ihr glänzendes Comeback.

Die Architekten Philipp Johnson und John Burgee wählten einen im Grunde klassischen Aufbau – Sockel, Schaft und Bekrönung –, um den 37-stöckigen Wolkenkratzer zu gliedern. Rosa Granit löst die transparenten Materialien früherer Bauten ab. Beherrschendes Element und neues Wahrzeichen der Skyline New Yorks ist jedoch der »gesprengte« Giebel, ein Stilelement des Barock.

Der Siegeszug dieser als »postmodern« bezeichneten Architektur wird von intellektueller Seite gebremst. Ihre eklektische, d.h. mit beliebigen Stilzitaten arbeitende Formgebung stößt auf heftige Kritik. Gefordert wird stattdessen eine pluralistische, von Bedeutung weitgehend freie Baukunst.

Eine Bilanz der Architektur des Jahres 1984 spiegelt die verschiedenen Positionen wider: Der Verwendung historisierender Stilformen steht die Ausbildung einer zukunftsorientierten Architektursprache gegenüber. Beispiel für eine »rationale«, klare Architektur ist das sogenannte Torhaus zur Frankfurter Messe, das Oswald Mathias Ungers fertigstellt. Seine auf strenge Typologisierung ausgerichtete Formensprache erinnert an die »pittura metafisica« des italienischen Malers Giorgio de Chirico, die versucht, realen Objekten übersinnliche Dimensionen abzugewinnen. Gottfried Böhms Empfangshalle der Zueblin-Werke in Stuttgart ist eine Abstraktion klassischer Formen: Das Innere eines gläsernen »Tempels« wird von einer raumgreifenden Treppenspindel eingenommen. Üppige Bepflanzung und ungehinderter Durchblick vereinen Innen- und Außenwelt. Die grandiose Inszenierung eines rein repräsentativen Raumes ist eine amerikanische Idee: Die öffentlichen Atrien der Wolkenkratzer funktionieren wie nach innen gekehrte Stadträume. Ein Trend wird bei diesen Verwaltungsbauten deutlich: Avantgardistische Architektur wird zum Aushängeschild fortschrittsorientierter Unternehmer.

Der Brite James Stirling errichtet in Stuttgart die Württembergische Staatsgalerie in einem historisierenden, doch durch moderne Elemente ironisierten Stil. Der Bau wird zum Publikumsmagneten und entfacht die Debatte um die Postmoderne in Deutschland. Gleichzeitig vollendet Frank O. Gehry in Los Angeles das California Aerospace Museum (begonnen 1982), einen collageartigen, aus unterschiedlichsten Formen zusammengefügten Komplex. Kuben aus galvanisiertem Metallblech und anderen Fabrikmaterialien durchbrechen und stören sich gegenseitig, um schließlich mit einem Starfighter zu kollidieren.