Olympiaboykott sozialistischer Staaten – komplizierte deutsch-deutsche Annäherung

Olympiaboykott sozialistischer Staaten – komplizierte deutsch-deutsche Annäherung
Das Los Angeles Coliseum während der Olympischen Sommerspiele 1984. By unknown, U.S. Air Force [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1984:

Die Friedensbewegung hatte 1983 mit der Zustimmung der Bundesregierung zum NATO-Doppelbeschluss eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Die darauffolgende Nachrüstung von Mittelstreckenraketen mit Atomsprengköpfen in Westeuropa steht in engem Zusammenhang mit den derzeitigen Spannungen zwischen Ost und West, die im Herbst 1983 zum Abbruch der Genfer Abrüstungsgespräche führten. Deren Wiederaufnahme gelingt auch nicht nach dem Tod von Kremlchef Juri W. Andropow im Februar, da Nachfolger Konstantin U. Tschernenko im Wesentlichen die Haltung seines Vorgängers vertritt. Die Hoffnung auf gravierende Änderungen in der sowjetischen Innen- und Außenpolitik ist an ZK-Sekretär Michail S. Gorbatschow geknüpft, der als Vertreter einer neuen Politikergeneration in der sowjetischen Parteispitze zunehmend an Einfluss gewinnt.

Die frostigen Beziehungen zwischen den beiden Machtblöcken, die u. a. der Boykott der XXIII. Olympischen Spiele von Los Angeles durch die meisten sozialistischen Staaten widerspiegelt, bedeuten zugleich eine Gefahr für das von wirtschaftlicher und politischer Annäherung geprägte deutsch-deutsche Verhältnis. Einen zweiten von der Bundesregierung genehmigten Milliardenkredit für die DDR honoriert die SED-Führung mit Reiseerleichterungen für Ost- und Westbürger, mit denen sie u. a. auch die steigende Flut von Ausreiseanträgen in den Griff zu bekommen hofft. Einen Höhepunkt der politischen Zusammenarbeit sollte der Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik darstellen. Seine überraschende Absage im September ergeht offenbar aufgrund einer Intervention der Moskauer Führung, die das Tauwetter in den Beziehungen zwischen Bonn und Ostberlin missbilligt.