High-Tech und High-Touch

Architektur 1985:

Technokratie und Verspieltheit sind die Extreme, zwischen denen die Baukunst des Jahres 1985 schwankt. Die Bewegung der Postmoderne, die Ende der 70er Jahre mit der Forderung angetreten war, dass der Architektur wieder historische Formen und symbolische Inhalte zugewiesen werden müssten wird zunehmend infrage gestellt. 1984 hatte sie mit der Fertigstellung des AT & T-Buildings in New York ihren Höhepunkt erreicht. Nun häuft sich die Kritik; der Ruf nach einer individuellen, die Sinne ansprechenden Gestaltung wird lauter.

So ist 1985 vieles möglich: In Frankfurt am Main wird die Zentrale der Deutschen Bank durch das Architektenteam ABB (Walter Hanig, Heinz Scheid, Johannes Schmid) errichtet. Unnahbar, monolithisch, nahezu magisch, stehen die beiden verspiegelten Hochhäuser im Stadtbild, kristalline Zeugen einer menschliche Dimensionen übersteigenden Kraft. Es sind nicht die ersten »Zwillingshochhäuser« im Dienste des Kapitals: Schon das World Trade Center in New York (1973) nutzte die städtebauliche Wirksamkeit des Doppelhochhauses.

In Chicago wird nach sechsjähriger Bauzeit das State-of-Illinois-Center eröffnet. Der Bau des in den USA zu Weltruhm gelangten Nürnberger Architekten Helmut Jahn wird als »Pantheon of Chicago« zum neuen Wahrzeichen der Stadt. Sein Aussehen ist spektakulär: Ein breitgelagerter Kegelstumpf wird von einem hohen Glaszylinder durchstoßen, in dem sich ein atemberaubendes Atrium verbirgt: Ein kreisrunder Raum öffnet sich über 17 Geschosse, beleuchtet durch ein Glasdach, das den Trakt schräg durchschneidet. An ihn schmiegen sich die Ebenen mit Verwaltungsräumen an. Die Strukturen des Stahlskeletts sind offen sichtbar, ihre grauen und lachsroten Farbtöne setzen spielerische Akzente. Der Außenbau ist meisterhaft in seine Umgebung integriert: Zur Straßenkreuzung und zum gegenüberliegenden Civic Center ist die Fassade zurückgeschwungen; die Stützen, auf denen der Bau ruht, gewähren zusätzlichen Freiraum im dichtbebauten Gefüge der Chicagoer Innenstadt.

Neben diesen repräsentativen Gebäuden entstehen 1985 wegweisende Zweckbauten, die funktional, ästhetisch und geistreich zugleich sind: In Frankfurt am Main wird Richard Meiers Museum für Kunsthandwerk der Öffentlichkeit übergeben, in Berlin die Phosphat-Eliminationsanlage von Gustav Peichl, Bestandteil der Internationalen Bauausstellung 1987.

Meiers Bau basiert auf einer Rasterstruktur, die Innen- und Außenbau prägt. Modul für deren Größe ist die Villa Metzler, ein klassizistischer Bau, der in den Museumskomplex integriert ist. Meiers Neubau rahmt das Haus, ohne es in seiner Integrität zu verletzen. Im Sinn der »klassischen Moderne«, die über Jahrzehnte die Baukunst geprägt hatte, dominieren klare geometrische Formen und weiße Farbe die lichtdurchfluteten Räume. Die Strenge der Linien wird jedoch durch überraschende Durchblicke, durch Achsverschiebungen und kostbare Materialien gemildert. Bis in das kleinste Detail, bis zur Einrichtung der Vitrinen, ist alles vom Architekten selbst geplant.

Die Phosphat-Eliminationsanlage in Berlin-Tegel spricht eine vollkommen andere Sprache: Nicht ohne Ironie erinnert der Baukörper an ein gestrandetes Schiff, technische Konstruktionen werden zu witzigen Skulpturen. Der Wiener Gustav Peichl, hinreichend bekannt als Karikaturist »Ironismus«, hat es verstanden, einer unförmigen Kläranlage ein gefälliges Äußeres zu geben.

Und noch ein Wiener sorgt für Schlagzeilen: Nach fast 30-jähriger Überzeugungsarbeit und Planung kann der Maler Friedensreich Hundertwasser endlich seinen Traum vom »alternativen« Sozialbau verwirklicht sehen. Obgleich nur mehr Kompromiss mit der Baubehörde, wird das bunte und märchenhaft verspielte Hundertwasser-Haus in Wien ein Publikumsmagnet.

Chroniknet