Auch Studierte ohne Arbeit

Bildung 1986:

Weitreichende Entscheidungen fallen in der Bildungspolitik des Jahres 1986 nicht. Der Fortgang der Trends der vergangenen Jahre bestimmt die Diskussionen im Bildungswesen. Dazu passt dass im Herbst des Jahres – mit Blick auf die Anfang 1987 anstehende Bundestagswahl – ein erneuter Streit zwischen den SPD- und den unionsgeführten Ländern über die Gesamtschule beginnt.

Nachdem schon in den 70er Jahren allmählich deutlich geworden ist, dass in der Bundesrepublik die weiterführende Bildung über das gesellschaftlich notwendige Maß hinaus expandiert, klafft die Schere zwischen dem Bedarf und dem Angebot an Arbeitsplätzen – vor allem für die Lehrer – immer weiter auseinander. 1975 waren 2,8% der Akademiker arbeitslos (Gesamtquote damals 4,7%), 1986 sind es (bei einer Gesamtquote von 9%) schon 5,1% der Akademiker. Ein Hochschulstudium garantiert nicht mehr automatisch einen akademischen Arbeitsplatz, andererseits hat der Akademiker auf dem Arbeitsmarkt weiterhin Vorteile bei der Bewältigung beruflicher Aufgabenstellungen.

Im Wintersemester 1986/87 werden an den bundesdeutschen Hochschulen insgesamt 1,29 Mio. Studenten gezählt, womit sich der Zulauf weiter fortsetzt. Angesichts der schlechten Berufsaussichten in den Geisteswissenschaften und beim Lehrerstudium wächst das Interesse an der Informatik, das in der Bundesrepublik erst seit 1969/70 gelehrt wird. 1986 kann Informatik an 22 Universitäten und 21 Fachhochschulen studiert werden. In Form des Computerunterrichts werden die Anfänge der Informatik auch an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Da Bildung Ländersache ist, ist der Informatik-Unterricht breit gestreut. In der Sekundarstufe I reicht die Spanne von der Möglichkeit zur Bildung von Arbeitsgemeinschaften bis hin zur Integration als Wahl- oder Wahlpflichtfach in Realschulen (in Bayern und Berlin), während in der Sekundarstufe II Informatik in vielen Bundesländern Pflichtfach ist.

Im Bereich der beruflichen Bildung klaffen Angebot und Nachfrage bei den Ausbildungsplätzen weiterhin auseinander. 1986 ist erstmals seit 1981 die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge wieder rückläufig, allerdings auf einem höheren Niveau. Die Nachfrage nach Lehrstellen übersteigt – wie stets seit 1982 – das Angebot. Ein weiterer Trend setzt sich fort: Nicht mehr nur Haupt- und Realschulabgänger, sondern auch Abiturienten zeigen Interesse an einer betrieblichen Berufsausbildung. 59,1% der Oberschulabgänger äußern 1986 die Absicht zu studieren, 24,4% sind unentschlossen, 16,5% wollen nicht studieren. Die Studienneigung ist in den anderthalb Jahrzehnten deutlich gesunken: 1972 wollten noch 89,7% aller Abiturienten an die Hochschule.

Völlig anders gestaltet ist das Schulwesen in der DDR, wo die allgemeinbildende polytechnische Oberschule im Umfang von zehn Klassen (1-10) die allgemeine Pflichtschule ist. Gemessen am entsprechenden Altersjahrgang (16/17-jährige) haben 1986 86,8% der Jugendlichen die Oberschule absolviert. Um das Ziel einer vollen zehnjährigen Oberschulbildung für alle zu erreichen, wird in den Klassen 1-4 eine Betreuung in Schulhorten organisiert, die 1986 schon 83,3% der Schüler erfasst

Um dem im westlichen Bildungswesen spürbaren Trend zum »Fachidioten« entgegenzuwirken, wächst das Interesse an der Allgemeinbildung. Unter dieser Themenstellung versammeln sich in Heidelberg (10.-12. 3.) rd. 900 Wissenschaftler auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für das Erziehungswesen. Die anwesenden Pädagogen stellen fest, dass trotz der Spezialisierung der Berufe und der Zersplitterung der Wissenschaften eine gemeinsame Grundbasis an Wissen unabdingbar sei. Die Rückbesinnung auf das klassische Bildungsideal dürfe allerdings nicht zur Selektion führen, im Gegenteil, Allgemeinbildung sei »Bildung für alle«.