Ernährung macht krank

Ernährung macht krank
Milchprodukte, Obst und Gemüse. See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Ernährung, Essen und Trinken 1986:

Ernährung als Verursacher von Krankheiten, atomar verseuchte Lebensmittel, Methylalkohol in italienischen Weinen (<!– –>8.4.<!– –>) – auch 1986 reißen die Negativmeldungen im Zusammenhang mit dem täglichen Essen und Trinken nicht ab. Die EG setzt am 24. Juli für alle Mitgliedsstaaten verbindliche Höchstmengen für Rückstände von Schädlingsbekämpfungsmitteln in Getreide und Lebensmitteln tierischen Ursprungs fest. Eine im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit erstellte und 1986 vorgelegte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ernährungsbedingte Krankheiten in der Bundesrepublik pro Jahr Kosten in Höhe von 42 Mrd. DM und damit rd. 27% aller Krankheitskosten verursachen.

Als direkte Kosten fallen alle Aufwendungen an, die für Vorbeugung, Behandlung, Pflege und Rehabilitation ausgegeben werden; indirekte Kosten erfassen gesamtgesellschaftliche Verluste, wie sie z.B. durch Arbeitsausfall entstehen. Ein Viertel aller in der Bundesrepublik festgestellten Erkrankungen gehen in der Hauptsache auf falsche Ernährung zurück. Genussmittel wie Tabak und Alkohol gelten als wesentliche Auslöser der weltweit etwa 73 Mio. Krebserkrankungen.

Der deutsche Verbraucher isst pro Jahr doppelt so viel Fleisch wie Mitte der 50er Jahre (90,3 kg jährlich gegenüber 46,2 kg). Eine im Verhältnis zu körperlicher Leistung zu hohe Kalorienzufuhr, die sich in Übergewicht niederschlägt, sowie eine dem körperlichen Bedarf nicht angepasste Nahrungszusammensetzung sind Ursache für Krankheiten. Die Bundesbürger nehmen nicht nur zu viel Fleisch, sondern auch zu viel Fett (26 kg pro Jahr) und Zucker (35,6 kg) zu sich und belasten damit übermäßig ihre Zähne, ihre Blutgefäße sowie ihr Herz und ihren Darm.

Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist dagegen eine hochwertige, kalorienarme Kost mit vielen Ballaststoffen zu empfehlen: Doch Vollkorn- und Milchprodukte, frisches Gemüse und Obst werden nach dem Super-GAU von Tschernobyl (<!– –>26.4.<!– –>) auch in der Bundesrepublik kaum gekauft. Für einige Zeit muss Tiefkühlkost das Frischgemüse und H-Milch die Frischmilch ersetzen.

Selbst Trinkwasser wird entlang des Rheins zur Mangelware nach dem Sandoz-Unglück (<!– –>1.11.<!– –>) in Basel. Vom Misstrauen der Verbraucher gegenüber dem – möglicherweise verseuchten – Leitungswasser profitieren nicht nur deutsche Abfüller von Mineralwasser, sondern auch die französischen Herstellerfirmen Contrex, Evian und Vichy.

Doch auch ohne Chemieunfall ist der sprudelnde Durstlöscher bei den Deutschen immer beliebter geworden: Jeder Deutsche trinkt im Durchschnitt 59 l Mineralwasser pro Jahr, viereinhalbmal mehr als Anfang der 70er Jahre.

Champagner, einst Symbol für höhere Lebensart, erobert immer mehr die deutschen Kehlen: Über 9 Mio. Flaschen, mehr als viermal so viel wie 1976, werden aus den Kellern der rd. 110 eingesessenen Champagnerhäuser, denen die etwa 4500 Winzer aus der Champagne ihre Trauben verkaufen dürfen, in die Bundesrepublik importiert.

Champagner wird zum alltäglichen Genuss – sei es im festlichen Rahmen zu Hause, im Restaurant oder im Stehen an den Theken der Gourmet-Stände in den innerstädtischen Shopping-Galerien.

Maßgeblich zum Boom beigetragen hat das in den Jahren zuvor gewachsene Champagner-Angebot in den Auslagen deutscher Lebensmittelketten.

Die Kehrseite des Champagner-Booms ist der immer geringer werdende Zuspruch für den deutschen Wein: Nach dem Weinskandal des Sommers 1985, der zuerst in Österreich, später auch in der Bundesrepublik Deutschland zur Aufdeckung von Manipulationen (Zusatz des Frostschutzmittels Glykol, Verwendung von Rübensirup zur Erzielung von Spätlese, »Germanisierung« von Billigweinen aus Italien) führte, ist der Absatz vor allem von Großkellereien fast zusammengebrochen.