US-Touristen meiden Europa

US-Touristen meiden Europa
Ein großer Teil des zunehmenden Flugverkehrs dient dem Tourismus. Klever [Public domain], via Wikimedia Commons

Urlaub und Freizeit 1986:

Die erhöhte Kaufkraft in der Bundesrepublik kommt auch den Reiseveranstaltern zugute: Rd. 44 Mrd. DM geben die Bundesbürger im Ausland aus, beliebteste Reiseziele sind Spanien, Italien – obwohl wieder einmal verschmutzte Strände sowie teure Hotels und Restaurants für Missstimmung sorgen – und Österreich, wo die bundesdeutschen Gäste einen Anteil von 65,7% an der Gesamtzahl der Übernachtungen halten.

Während Österreich mit 107,4 Mio. Übernachtungen 1986 noch einmal um 0,7% zulegen kann, muss der Nachbar Schweiz erstmals seit 1978 wieder ein Minus von 4,5% bei den Einnahmen aus dem Reiseverkehr hinnehmen. Die Bedeutung des Reiseverkehrs zeigt das Beispiel Spanien, wo 20,9% der Deviseneinnahmen aus Waren- und Dienstleistungsexporten durch den Tourismus hereinkommen. In Österreich liegt dieser Anteil bei 16,9% und in Italien bei 9,4%. Die Bundesrepublik hingegen kassiert nur 2,6% ihrer Deviseneinnahmen von ausländischen Touristen. Traditionell geben die Deutschen im Ausland dreimal mehr aus als die Ausländer in Deutschland.

Angesichts der beliebtesten Urlaubsziele kaum überraschend sind die Ergebnisse einer Umfrage des Studienkreises für Touristik: 44% der Befragten haben eine Vorliebe für das Mittelmeer und den südlichen Atlantik, 32% für Inseln und 27% für die Nord- und Ostsee. Nur jeder vierte Befragte will am liebsten ins Hochgebirge, nur jeder ins Flachland. Städte sind vor allem für Kurz- und Wochenendreisen beliebt.

Der Super-GAU von Tschernobyl (<!– 26.4.1986–>) wirkt sich natürlich auch im Reiseverkehr aus. Rumänien z.B. besuchen in diesem Jahr nur halb so viele Bundesbürger wie im Jahr zuvor. Politische Gründe – die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den USA und Libyen (<!– 15.4.1986–>) führen zu Umbuchungen und Stornierungen von festgebuchten Reisen nach Nordafrika. Aus Furcht vor dem Terrorismus – nach der Kaperung eines italienischen Luxusdampfers im Oktober 1985 – bleiben im Sommer vor allem in Griechenland die Amerikaner aus, die in normalen Jahren rd. 20% aller Devisen einbringen. Äußerungen des griechischen Regierungschefs Andreas Papandreou brachten den dollarträchtigen Urlauberstrom endgültig zum Erliegen. Selbst Popstars wie Prince und Filmschauspieler wie Sylvester Stallone meiden Westeuropa.

Vom Ausfall der Krisenregionen profitieren das als friedlich geltende Tunesien, das 11% mehr Urlauber als im Vorjahr verzeichnet, und die Türkei, wohin doppelt so viele bundesdeutsche Pauschaltouristen wie im Vorjahr fahren. Hier besteht auch ein großer Nachholbedarf: Nur 2% der Bundesbürger waren schon einmal in Istanbul und an der türkischen Mittelmeerküste, jeder aber kennt sich in Österreich aus.

Zwei Drittel aller Urlauber (21,5 Mio.) unternehmen selbst organisierte Reisen, die Anbieter von Pauschalreisen können 10,9 Mio. Gäste begrüßen. Hier wird der Konkurrenzkampf immer härter: Ausländische Reiseveranstalter vor allem aus den Niederlanden, Frankreich, den USA und Großbritannien – unterbieten die deutsche Konkurrenz und offerieren z.B. Billigflüge von grenznahen Flughäfen wie Basel/Mühlhausen. Clevere Reisebüros machen sich die hohen Handelsspannen in Deutschland zunutze und reimportieren Reisen, z.B. Clubreisen des deutschen Marktführers TUI. Im Herbst macht ein Krach zwischen dem Branchen-Zweiten NUR (Karstadt-Konzern) und der Kaufhof-Tochter ITS Schlagzeilen. Die Aufforderung von NUR an die Reisebüros, keine Angebote von ITS mehr zu führen, ruft das Kartellamt auf den Plan, das die Verflechtungen zwischen den Reiseveranstaltern und den Agenturen untersuchen will. Mehr als 2400 westdeutsche Reiseunternehmen bieten fast nur Reisen von TUI an, das im Geschäftsjahr 1985/86 mit 2,35 Mio. Buchungen etwa 50% mehr Reisende befördert als NUR und ITS zusammen genommen.