Architektur im »Auf-Bruch«

Architektur 1988:

»Und es steht trotzdem« könnte die Trendmeldung der Architektur im Jahr 1988 heißen. Während die Postmoderne Stadt und Land mit nostalgischem Dekor überzieht, probt die Avantgarde den Aufstand: Es sei »trivial«, der »Atombombe die dorische Säulenordnung entgegenzuhalten«, auch in einer Welt des Chaos und zunehmender Isolierung des Menschen müsse die Architektur Spiegel der Gesellschaft sein.

Konsequent entwirft daher eine Gruppe teils junger, teils arrivierter, der Postmoderne überdrüssiger Architekten Gebilde, die jeder traditionellen Ästhetik und scheinbar auch der Schwerkraft widersprechen. Zerborstene Formen, schräge Wände, kippende Dächer vermitteln den Eindruck eines explosionsartigen Prozesses, der den Baukörper sprengt und in haltlose Unordnung zu stürzen scheint. Trotz aller Brutalität sind ihre Projekte Ausdruck ungeheurer Kreativität und spielerischer Poesie.

Eine Ausstellung im Museum of Modern Art in New York verhilft der Bewegung 1988 zum internationalen Durchbruch. Der Titel der Exposition »Deconstructivist Architecture«, Dekonstruktivistische Architektur- nach einem Denkmodell des französischen Philosophen Jacques Derrida – gibt der Stilrichtung ihren Namen. Ausstellungsmacher und Kopf der »Dekonstruktivisten« ist ironischerweise Philip Johnson, dessen AT & T Building 1984 der Postmoderne den Weg ebnete. Zusammen mit der Irakerin Zaha Hadid, den Amerikanern Peter Eisenman und Frank O. Gehry, dem in Berlin arbeitenden Daniel Libeskind, dem Niederländer Rem Koolhaas und dem Wiener Team COOP Himmelblau eröffnet er wiederum der Architektur neue Perspektiven.

Der Dekonstruktivismus schlägt ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel: 1988 vollendet Peter Eisenman das Wexner Center for the Visual Arts in Columbus (Ohio); es steht an der Grenze zwischen dem Spiel mit vertrauten, logisch ergründbaren Strukturen und dem konstruierten Chaos. Der Museumskomplex wird dezentralisiert, vorgegebene Raster aus dem Zusammenhang gerissen, ein Geschichtlichkeit signalisierender Eckturm unvermittelt von einem verglasten Baukeil durchtrennt. Eisenman geht so weit, dass er die Funktion des Baus vernachlässigt: Glas verbietet die Hängung von Gemälden an einem Großteil der Wände. Auch der Wohnbau gerät aus den Fugen: in Santa Maria del Mar baut Eisenman die Casa Guardiola, deren verschobene Kuben die Schräge des Hanges erwidern.

Frank O. Gehry, Begründer der für ihre Stadtplanung bekanntgewordenen »Los Angeles School«, errichtet in Weil am Rhein das Vitra-Design-Museum, ein Wirbel weißer Baukörper, die jeder für sich den Raum zu erobern scheinen.

Die Wiener Wolf Prix und Helmut Swiczynsky, die als COOP Himmelblau seit längerem dem konventionellen Bauen den Kampf angesagt haben, fordern eine aggressive, energiegeladene Architektur. Ihr 1988 vollendetes Dach einer Anwaltskanzlei in der historistisch geprägten Umgebung der Wiener Innenstadt bricht unter der Spannung seiner Stahl- und Glaskonstruktionen auf. Die fragil wirkende Hülle schafft vielfältige Licht- und Schattenspiele.

In Paris baut Bernard Tschumi weiter seine vielbeachteten »Folies«, die Verrücktheiten, das sind versprengte Hausfragmente im Parc de la Villette.

Daneben entstehen auch Bauten konventionellen Stils: Die Maison du Livre in Villeurbanne, ein Werk des Tessiners Mario Botta, variiert einmal mehr das Thema Kubus und Zylinder; postmodern sind Richard Stirlings Berliner Wissenschaftszentrum und Rem Koolhaas’ Patio Villa in Rotterdam. Die meiste Beachtung findet allerdings ein Werk, das High-Tech und Symbolismus vereint: Das Institut du Monde Arabe in Paris, Museum, Kommunikations- und Studienzentrum für arabische Kultur, ist an seiner blockhaften Schauwand mit lichtempfindlichen Platten verkleidet. Wie ein Kaleidoskop verändern sie je nach Helligkeit ihre Struktur.