Chemie vergällt Genuss

Ernährung, Essen und Trinken 1988:

In der Europäischen Gemeinschaft tritt eine neue Richtlinie zum Schutz der Verbraucher in Kraft. Kernpunkt der Regelung ist das Verbot von künstlichen oder natürlichen Wachstumshormonen in der Tierzucht. Damit reagiert die EG auf die weit verbreitete Praxis, durch bestimmte Futterzusätze ein beschleunigtes Wachstum der Tiere zu erreichen. Solche »Hormon-Cocktails« bestehen meist aus gentechnisch hergestellten Substanzen, die in ihrer Wirkung körpereigenen, u.a. der Regelung von Stoffwechsel und Wachstum dienenden Hormonen ähneln.

Der Einsatz dieser Präparate lohnt sich vor allem in der Kälberzucht. Züchter rechnen bei Gabe entsprechender Hormone mit einem Netto-Gewichtszuwachs von rund 10 kg je Tier. Dies entspricht einem Mehrerlös von rund 80 DM pro Kalb. Welche Folgen der Genuss von mit Hormonen behandeltem Fleisch für den Konsumenten hat, ist allerdings umstritten. Der Verdacht einer krebserzeugenden Wirkung kann in 1988 durchgeführten Untersuchungen zwar nicht nachgewiesen werden. Es wird jedoch nicht ausgeschlossen, dass der Konsum den natürlichen Hormonhaushalt des Menschen nachhaltig stören könnte.

Obwohl nach geltendem Recht Verstöße gegen das Lebensmittelgesetz mit bis zu einem Jahr Haft geahndet werden und zusätzlich Anzeigen wegen Betrug und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz drohen, setzen weiterhin viele Züchter Wachstumshormone ein. Dies beweist nachdrücklich der im Sommer 1988 in Nordrhein-Westfalen aufgedeckte Hormonskandal (<!– –>8.8.<!– –>). Im Zuge des bislang größten Lebensmittelskandals in der Geschichte der Bundesrepublik beschlagnahmt die Polizei insgesamt rund 22 000 Mastkälber und lässt sie notschlachten.

Der Skandal – nach Ansicht von Experten nur die Spitze eines Eisberges – löst in der Bundesrepublik heftige Kritik an der auf maximalen Ertrag ausgerichteten Massentierhaltung aus. Gefordert werden schärfere Kontrollen und ein grundsätzliches Verbot chemischer Zusatzstoffe: Auch die vom Gesetzgeber zugelassene Gabe von Psychopharmaka zur Beruhigung der Tiere oder von Substanzen zur Erzeugung einer bestimmten Farbgebung des Fleisches sollte gesetzlich untersagt werden.

Zur wachsenden Skepsis der Verbraucher über die Qualität der in der Bundesrepublik angebotenen Nahrungsmittel trägt zusätzlich der Fund von verunreinigtem Speiseöl bei. In mehreren Bundesländern ergeben Stichproben, dass ein großer Teil des im Handel erhältlichen Olivenöls mit der stark krebserregenden Chemikalie Perchloräthylen belastet ist. Offensichtlich setzten einige Erzeuger gezielt das normalerweise als Reinigungs- und Lösungsmittel verwendete Per ein, um aus den Oliven mehr Öl herauspressen zu können. Mehrere deutsche Landesregierungen verbieten daraufhin vorübergehend den Verkauf von Olivenöl und empfehlen den Verbrauchern, auf andere pflanzliche Fette auszuweichen.

Bei den Landwirten selbst wächst ebenfalls der Widerstand gegen Chemie in der Nahrung. Immer mehr Bauern bewirtschaften ihre Höfe nach ökologischen Vorgaben. Im Mittelpunkt stehen dabei die artgerechte Tierhaltung sowie der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger beim Anbau von Obst und Gemüse. Um den alternativen Landbau zu fördern, gründet sich 1988 der Dachverband der deutschen Agraropposition.

Der Verbesserung des durch Skandale angekratzten Rufs deutscher Lebensmittel dient die Fernsehreihe »Essen wie Gott in Deutschland«. In der in Zusammenarbeit von Agrarverbänden und Zweitem Deutschem Fernsehen entstandenen Reihe präsentieren Spitzenköche vorwiegend aus deutschen Produkten zubereitete Menüs, die vom Zuschauer in der eigenen Küche nachgekocht werden können. Auffällig ist dabei die Anlehnung an regional typische Gerichte, die durch Verzicht auf allzu viel Fett, Mehl und andere vorwiegend der Sättigung dienende Zutaten dem Zeitgeschmack entsprechen.