Gedränge in der Mittelklasse

Auto und Verkehr 1988:

Spektakuläre Neuheiten hat der internationale Automarkt 1988 nicht zu bieten. Es sind darum vor allem Modellverbesserungen und -modernisierungen, welche die Aufmerksamkeit von Fachleuten und Kundschaft auf sich ziehen. Dabei stehen in der Bundesrepublik Deutschland der neue VW Passat und die neuentwickelte 5er-Reihe von BMW im Mittelpunkt des Interesses.

Besonderes Aufsehen erregt der Alfa 164, eine sportliche Limousine der gehobenen Mittelklasse, mit der die italienische Traditionsmarke ihr angeschlagenes Firmenrenommee wiederherzustellen sucht. Fachleute bestätigen denn auch, dass den Mailänder Konstrukteuren ein in Technik und Design überzeugendes Auto gelungen sei.

Mit dem Passat stellen die Wolfsburger Autohersteller einen Wagen vor, der nur noch wenig mit dem Vorgängermodell gleichen Namens gemeinsam hat. Der Passat mit keilförmig gestalteter Karosserie ist ein Mittelklassewagen, dessen Innenmaße und Ausstattung an das Niveau von Luxuslimousinen heranreichen. Aus Gründen der Raumersparnis sind Motor und Getriebe quer eingebaut; der Luftwiderstand des Fahrzeugs, dessen Standardversion rund 23 100 DM kostet, ist mit 0,29 Cw für ein Auto dieser Kategorie ungewöhnlich niedrig. Die Zwei-Liter-Version des neuen Passat mit 136 PS ermöglicht eine Höchstgeschwindigkeit von 206 km/h. In den folgenden Monaten erweist sich der Neue von VW als ein Verkaufsrenner und trägt zur Sicherung der führenden Marktposition von VW in der Bundesrepublik (30%) und Europa bei.

Opel, der größte Konkurrent von VW im Bereich der Mittelklassewagen, will den Wolfsburgern mit einer eigenen Neuentwicklung, dem Vectra, Paroli bieten.

Das meistverkaufte Auto in der Bundesrepublik ist 1988 wie im Vorjahr der VW Golf, von dem 1988 rund 346 000 Stück abgesetzt werden, gefolgt vom Opel Kadett mit rund 226 000 verkauften Einheiten. An dritter Stelle liegen die Mercedes-Modelle der Typen 200 bis 300 E, für die sich über 155 000 Kunden entscheiden.

Großen Anklang bei den Käufern findet die neue 5er-Reihe von BMW. Die Limousinen der oberen Mittelklasse sind mit bis zu 211 PS starken Motoren ausgerüstet. Das Auto wurde von BMW in fünfjähriger Arbeit für rund 1,7 Mrd. DM entwickelt; die Preise liegen je nach Motorstärke und Ausstattung zwischen 38 500 und 62 000 DM pro Stück. Die BMW-Werke planen, von dem Modell jährlich wenigstens 130 000 Stück zu produzieren und abzusetzen.

Die westdeutsche Autoindustrie erreicht 1988 mit 4,625 Mio. produzierten Fahrzeugen fast den Rekord von 1987, als insgesamt 4,634 Mio. Einheiten vom Band liefen. Der Umsatz der Autoindustrie steigert sich im Jahresvergleich von 166 Mrd. DM auf 172 Mrd. DM. Allerdings sehen führende Automanager durchaus Anlass zur Sorge. So sinkt bei Pkw und Kombi-Fahrzeugen die Zahl der Neuzulassungen um rund 4% auf 2,808 Mio.

Nach wie vor ist die Autoindustrie jedoch eine der tragenden Säulen der westdeutschen Wirtschaft. Dass der Anteil ausländischer Marken am deutschen Markt im Vergleich zum Vorjahr geringfügig zurückgeht, ist nach Ansicht der deutschen Hersteller noch kein Grund zur Entwarnung, der Konkurrenzkampf bleibt hat, denn in ganz Westeuropa können japanische Autofirmen ihren Absatz gegenüber 1987 um rund 3% auf fast 1,5 Mio. Fahrzeuge steigern.

Die kostengünstige Produktion der Japaner stellt weiterhin eine starke Herausforderung an die Westdeutschen dar, deren Brisanz jedoch erst wenigen Managern voll bewusst ist. Japanische Hersteller wie Toyota bieten zunehmend auch Wagen der gehobenen Mittel- und Oberklasse an, die sich mit den europäischen Konkurrenzprodukten in Bezug auf Fahrleistung und Ausstattung durchaus messen können. Allerdings haben die Japaner in diesem Marktsegment noch mit einem starken Image-Problem zu kämpfen, das durch Preisvorteile nur teilweise ausgeglichen wird.