Protest gegen Stellenabbau

Arbeit und Soziales 1988:

In der westdeutschen Wirtschaft zeichnet sich ein grundlegender Strukturwandel ab, der sich auf dem Arbeitsmarkt immer stärker bemerkbar macht. Besonders krass tritt dieses Problem in der Stahlkrise zutage die sich 1988 weiter zuspitzt. Obwohl die westdeutsche Stahlindustrie 1988 einen starken Produktionszuwachs um rund 13% auf rund 41 Mio t verzeichnet, kündigen die Unternehmensleitungen einen drastischen Stellenabbau zur Reduzierung von Überkapazitäten an, da für 1989/90 mit einem Rückgang der Nachfrage gerechnet wird. Dies führt unter den Betroffenen zu Unruhe und zu Protestaktionen von ungewöhnlicher Heftigkeit, so Anfang des Jahres bei dem von Schließung bedrohten Stahlwerk Rheinhausen (<!– –>23.2.<!– –>). Insgesamt bleibt die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik 1988 auf einem hohen Stand. Im Jahresdurchschnitt sind 2,242 Mio. Personen im erwerbsfähigen Alter ohne Beschäftigung, rund 0,6% mehr als 1987. Die Arbeitslosenquote sinkt leicht von 8,9 auf 8,7%. Im europäischen Vergleich liegt die westdeutsche Volkswirtschaft im Mittelfeld. Höhere Arbeitslosenquoten haben 1988 z.B. Spanien (19,6%), Irland (18,6%), Italien (12%) oder Frankreich mit 10,2%. Deutlich niedrigere Arbeitslosenzahlen weisen allerdings u.a. Schweden (1,6%), Norwegen (2,3%), Portugal (5,9%) oder Österreich (5,3%) auf.

Sorge bereitet in der Bundesrepublik nicht zuletzt der wachsende Anteil von Langzeitarbeitslosen (länger als 24 Monate ohne Arbeit), der 1988 bereits bei 16,5% liegt. Über ein Drittel dieser Personen erhält 1988 keine Unterstützung mehr von der Bundesanstalt für Arbeit (Arbeitslosengeld; Arbeitslosenhilfe) und rutscht somit in den Bereich der Sozialhilfe. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger steigt 1988 auf rund 3,35 Mio. Personen an, gegenüber 3,14 Mio. im Vorjahr und 2,81 Mio. Personen 1985. Gewerkschafter und Vertreter der Wohlfahrtsverbände sprechen bereits vom Problem einer »neuen Armut« in der Bundesrepublik.

Deutlich verringert hat sich im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Kurzarbeiter, von 278 000 auf 208 000; Anlass zu Optimismus ist jedoch nach Meinung von Arbeitsmarktexperten nicht gegeben. Vor allem im industriellen Sektor sei mit einem weiteren Arbeitsplatzverlust zu rechnen, der auch durch umfassende Strukturhilfen des Bundes zur Schaffung neuer Jobs und direkte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nicht aufgefangen werden könne.

Ein zentrales Thema der tariflichen Auseinandersetzungen ist auch 1988 die Gewerkschaftsforderung nach Arbeitszeitverkürzungen. Damit soll einem weiteren Stellenabbau entgegengewirkt werden. Die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit beträgt derzeit 38,97 Stunden. Zwischen den Tarifpartnern werden 1988 für etwa 5,2 Mio. Arbeitnehmer weitere Arbeitszeitverkürzungen vereinbart. Dabei ist der Arbeitsmarkt-Effekt der Kürzungen umstritten. Während die Gewerkschaften von rund 250 000 neuen Stellen sprechen, die seit 1985 aufgrund von Arbeitszeitverkürzungen entstanden seien, bestreitet die Wirtschaft u.a. mit Hinweis auf wachsende Beschäftigtenzahlen bei Verlängerung der Arbeitszeit in den USA den von den Arbeitnehmerorganisationen behaupteten Zusammenhang.