Unis droht Niveauverlust

Bildung 1988:

Beherrschendes Thema in der bildungspolitischen Diskussion der Bundesrepublik ist – nicht zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte – die Misere der Universitäten. Die Überfüllung der westdeutschen Hochschulen hat 1988 ein solches Ausmaß erreicht, dass Politiker und Wissenschaftler das Niveau von Forschung und Lehre ernsthaft gefährdet sehen.

Die Zahlen sprechen in der Tat eine eindeutige Sprache. Für rund 1,5 Mio. Studenten stehen an den insgesamt 242 Hochschulen in der Bundesrepublik etwa 780 000 Studienplätze zur Verfügung. Die Folgen dieses Missverhältnisses sind drangvolle Enge in den Hörsälen und überfüllte Laboratorien. Bei der Vergabe von Praktikumsplätzen in naturwissenschaftlichen und Ingenieurs-Fächern kommt es nicht selten zu Rangeleien und Handgreiflichkeiten in den Anmeldungsbüros. Wer keinen Platz ergattern kann, muss häufig ein oder zwei Semester warten, bis er oder sie das Studium wie geplant fortsetzen kann.

Diese Entwicklung trifft die meisten Politiker und Bildungsplaner unvorbereitet. Wie erwartet, hatte das Heranwachsen geburtenschwacher Jahrgänge (»Pillenknick«) Mitte der 80er Jahre zu einer Entspannung im gesamten Bildungsbereich geführt. Doch seit 1986 steigen die Zahlen der Studienanfänger wieder rasant an. 1988 nehmen rund 250 000 junge Leute ein Studium auf (1988 sind es 71% der Abiturienten, 55% der Abiturientinnen). Rund 28% eines Geburtsjahrgangs verlassen Ende der 80er Jahre die Schule mit der Hochschulreife, 1968 waren es nur rund 7%.

Die Öffnung des Bildungssystems für breite Bevölkerungsschichten, ein Verdienst sozialdemokratischer Politik in den 60er und 70er Jahren, droht nunmehr zu einer Lähmung des gesamten Bildungswesens zu führen. Verschärft wird die Lage durch drastische Einsparungen! Freiwerdende Stellen werden nicht mehr besetzt, so dass sich das Zahlenverhältnis von Lehrenden und Studenten dramatisch verschlechtert. Hatte 1975 ein Professor rechnerisch noch 29 Studenten zu betreuen, beträgt im Jahr 1988 das Verhältnis 1: 40.

Ein Konzept zur Besserung der Lage ist jedoch nicht in Sicht. Mit Ausnahme einiger »Perspektiv-Fächer« (Informatik, Wirtschaftswissenschaften u.a.) regiert überall der Rotstift. Ihrem Unmut machen die Studenten im Wintersemester 1988/89 mit bundesweiten Streikaktionen Luft, ohne dass sie jedoch eine Abkehr vom Sparkurs der Länder erreichen.

Auch die Situation an den allgemeinbildenden Schulen gibt Anlass zur Sorge. Frustrierte Lehrer klagen immer stärker über unmotivierte und z.T. gewalttätige Schüler, die mit ihrer Interesse- und Disziplinlosigkeit noch die erfrischendsten Unterrichtskonzepte zunichte, die engagiertesten Pädagogen binnen kurzem zu verbitterten »Dschungel-Kämpfern« machen.

Eine der Hauptursachen für den Schulfrust sehen die Pädagogen im ausufernden Medien-, vor allem Fernsehkonsum der Kinder. Gewöhnt an die Bilderflut des Fernsehens können die »Kids« sich immer schwerer auf bestimmte Aufgaben konzentrieren. Ihre Unlust führt zu andauernden Störungen, die die Lehrer demotivieren; ein Teufelskreis, bei dem Unterricht, der nach seinem Selbstverständnis Neugier und Tatendrang der Schüler in vielfältiger Weise fördern soll, auf der Strecke bleibt.

Inwieweit positive Neuansätze, wie z.B. die Integration des Computers in das Unterrichtsgeschehen und die kreative Beschäftigung mit den Medien, zur Überwindung der Schulmisere beitragen können, ist unter Lehrern und Bildungstheoretikern umstritten. Wenn das gesellschaftliche Umfeld gestört ist (Reizüberflutung, zunehmende Gewaltbereitschaft, wachsende Zahl von »Problem-Familien« etc.), kann Schule, so die nüchtern-resignative Meinung vieler Fachleute, kein idyllischer Ort freudigen Lernens sein. Angesichts dieser Zustände lehnen viele Pädagogen die insbesondere von konservativer Seite geforderte Verkürzung der Schulzeit ab.