Verbesserte Supraleiter

Wissenschaft und Technik 1988:

Eine Reihe technischer Superlative macht Schlagzeilen in der Boulevardpresse. Zu ihnen gehört der 53 850 m lange Saikan-Eisenbahntunnel, der die japanische Hauptinsel Hondo mit der großen Nordinsel Hokkaido als derzeit weltlängster Tunnel verbindet. 23 300 m des Tiefbauwerks liegen unter Wasser.

Aufsehen erregt auch der bisher längste Muskelkraftflug: Der griechische Radrennfahrer Kanellos Kanellopoulos legt mit der Leichtbaukonstruktion »Daedalus 88« in 3: 54 h die 119 km weite Strecke zwischen den Inseln Kreta und Santorin zurück und stellt damit sowohl einen Strecken- wie Zeitrekord für Muskelkraftflüge auf.

Superlative in der Luftfahrt melden sowohl die USA wie die UdSSR. Die Amerikaner stellen ihren neuen Bomber »STEALTH B-2« der Öffentlichkeit vor, eine seit acht Jahren entwickelte »unsichtbare«, d.h. mit elektronischen, optischen und Infrarot-Techniken nicht zu ortende Militärmaschine, deren Außenhaut aus neuartigen Materialien Radarstrahlen weitgehend absorbiert und zudem in der Lage ist, die üblichen Radar- und Infrarot-Erkennungssysteme mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit zu unterfliegen. Die Sowjetunion startet vom Raumfahrtzentrum Baikonur aus ihr neues Vielzwecktransportsystem »Energia« mit der wiederverwertbaren Raumfähre »Buran«, vergleichbar mit dem US-amerikanischen Spaceshuttle

Große Fortschritte gelingen in mehreren Industrienationen gleichzeitig vor allem auf dem Gebiet der Hochtemperatur-Supraleiter. Das sind Legierungen, die in relativ großem Temperaturabstand vom absoluten Nullpunkt dem elektrischen Strom keinerlei Widerstand entgegenstellen und damit Elektrizität verlustfrei leiten. Nachdem 1986/87 die beiden Nobelpreisträger Alex Müller und Georg Bednorz keramische Hochtemperatur-Supraleiter aus Yttrium-, Barium-, Kupfer- und Sauerstoffverbindungen beschrieben, entdecken im Januar 1988 Wissenschaftler am japanischen Nationalen Forschungsinstitut Wismut-Supraleiter. Wenig später kommt von der US-amerikanischen Universität von Arkansas die Meldung über einen weiteren neuen Supraleiter auf Thallium-Basis, der bei 125 K (-148 °C) einen Hochtemperatur-Rekord bedeutet. Francis C. Moon und Rishi Raj konstruieren mit einem solchen Leiter ein fast reibungsfrei arbeitendes Hochgeschwindigkeitslager.

Eine weitere technische Innovation des Jahres stellt das von den US-Amerikanern James van House und Arthur Rich entwickelte erste Positronenmikroskop dar. Es arbeitet im Prinzip wie das Elektronenmikroskop, verwendet zur Bilderzeugung aber keine Elektronen, sondern deren Antiteilchen.

Technisch grundlegend neu ist auch der von den US-Amerikanern Paul French und Roy Taylor in den USA angekündigte Röntgen-Laser, der Laser-Lichtblitze von nur 248 Nanometern Wellenlänge und 65 Femtosekunden (65 x 1015 s) Dauer erzeugt und einen Durchbruch auf dem Weg zur technischen Realisierung funktionsfähiger Röntgen-Laser bedeutet.

Beeindruckende theoretische und praktische Fortschritte gelingen auf dem Gebiet der Astrophysik. Zum einen können Wissenschaftler aus einem 12 500 m hoch fliegenden Forschungsflugzeug erstmals – von der Erdatmosphäre ungestört – unmittelbar die Plutoatmosphäre beobachten und dabei u.a. Kontroversen über deren Dichte ausräumen. Zum anderen gelingt die Entdeckung 17 Mrd. Lichtjahre ferner Galaxien. Da bisher das Alter des Universums von vielen Astrophysikern mit etwa 15 Mrd. Jahren angenommen wurde, muss dieser allgemein verbreitete Wert jetzt nach oben korrigiert werden. Einen wichtigen neuen theoretischen Ansatz zur Erforschung von Werdegang und Struktur des Weltalls liefert auch die neue Hypothese der »kosmischen Fäden« (»cosmic strings«), extrem langer, dünner, vom »Urknall« übrig gebliebene Energiebänder, die sich durch das gesamte Universum ziehen sollen, und von denen möglicherweise 1988 sogar bereits eines gesichtet wurde.