Avantgarde stärker beachtet

Wohnen und Design 1989:

Anders als avantgardistische Formgestalter der internationalen Szene wie Mario Botta (Schweiz), Philip Starck (Frankreich) und Matteo Thun (Italien) führen radikale Designer in der Bundesrepublik auch 1989 noch eher ein Sektiererdasein. Designwerkstätten wie Cocktail (Heike Mühlhaus/Renate von Brevern, seit 1981 in West-Berlin), GINBANDE Design (Uwe Fischer/Klaus-Achim Heine, seit 1985), Kunstflug (Heiko Bartels/Hardy Fischer/Harald Hullmann/Charly Hüskes, seit 1982) und Pentagon (gegründet von Gerd Arens, Wolfgang Laubersheimer, Reinhard Müller, Ralf Sommer und Meyer-Voggenreiter 1985 in Köln) sind meist nur in Museen und Ausstellungen vertreten.

Sieben Jahre nach der europäisch ausgerichteten Designausstellung »Möbel perdu – Schöneres Wohnen« (1982 in Hamburg) wird 1989 mit der Einrichtung des »Ersten Avantgarde-Design Center« auf der Kölner Möbelmesse, neben Mailand die wichtigste Schau der Möbelhersteller in Europa, ein zögernder Schritt getan, um den bis dahin insgesamt mäßigen kommerziellen Erfolg deutscher Möbeldesigner zu verbessern.

Anlässlich der Art Frankfurt wird das »Seating Project« gezeigt: Zehn Designer entwickelten Sitzmöbel für die Kunstmesse. Zu sehen sind u.a. Arbeiten von Starck, Andreas Brandolini, Jasper Morrison und Axel Kufus (Berlin), der sich mit der Entwicklung und Produktion serieller Möbel für diverse Firmen beschäftigt.

In einem Begleittext von Michael Erlhoff heißt es zu dieser Schau: »Im Angesicht der Kunst wird dem Design nun wieder der ihm eigene Platz zugewiesen, erscheint es als Topos, als verortete Nähe, inmitten des künstlerischen Utopia, eben der Weite ohne Ort. Skier unvermittelt stehen sie sich hier gegenüber: Dort die erhoffte Autonomie und hier die dienstbaren Geister, da das Noli me tangere und hier das schnöde Praktikum. Denn Design entwickelt seine eigentümliche Sozialität, die dabei ein wenig heimtückisch die Einsicht mitformuliert: Dort hängt der Glanz des Marktes, hier stehen die sich ausruhenden Füße…«

Gleichfalls in Frankfurt am Main, anlässlich der Herbstmesse, wird ab 1989 alljährlich von hier heimischen Designern, Galeristen, Händlern und Institutionen die Veranstaltungsreihe »Erste Design Horizonte« ausgerichtet.

1989 wird das von Frank O. Gehry gestaltete Vitra Design Museum in Weil am Rhein eröffnet. Obwohl von einer Firma initiiert und auf dem Firmengelände angesiedelt, ist das Museum für die Alltagskultur des Möbels kein Firmenmuseum. Vielmehr veranstaltet es neben designhistorischen und zeitgenössischen Ausstellungen alljährlich internationale Design-Workshops, u.a. mit den Gruppen GINBANDE und Stiletto und den Einzelkünstlern Jasper Morrison, Ron Arad und Borek Sipek.

Bedeutsam für den Aufbau, die Erweiterung und die Präzisierung eines neuen Designs wird die Eröffnung der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. Mit Andreas Brandolini, seit 1981 freiberuflich als Architekt und Designer tätig, und Harald Hullmann, freier Designer seit 1976, werden zwei der profiliertesten deutschen Avantgarde-Designer in den Lehrkörper der Hochschule berufen. Mit »Viel Design für viele« hatte Hullmanns Gruppe Kunstflug eine vielzitierte Losung des »neuen deutschen Designs« formuliert, das seine Stärke nicht zuletzt aus einem – regional verwurzelten – klaren Formenvokabular bezieht.

In Saarbrücken wird das Miteinander von freien und angewandten Künsten zum Programm der Ausbildung erhoben. Der Gründungsrektor Jo Enzweiler formuliert: »Die vielleicht utopisch anmutende Forderung der Einheit der Künste und die Sehnsucht nach dem Gesamtkunstwerk mögen als Herausforderung gelten. Ein von vornherein geplanter reger Austausch zwischen Künstlern und Designern sowie eine garantierte Durchlässigkeit während des Studiums führen zwangsläufig zu einer ständigen Reflexion über das Verhältnis zwischen Kunst und Design.«