Hauteng oder transparent

Mode 1990:

Wer 1990 mit der Mode gehen will, sollte möglichst schlank sein und lange Beine haben: Diese Forderungen stellen jedenfalls die beiden konträren Grundsilhouetten: weit, wadenlang und durchsichtig oder hauteng und minikurz.

Die wadenlangen Röcke sind aus durchsichtigem Organza oder Seidencrêpe gefertigt, dicht plissiert oder locker gezogen. Darüber werden lange Pullover, Tuniken, weite Overshirts oder auch strenge Blazer getragen. Wer Transparenz vermeiden will und einen kompakteren Stoff wählt, muss zumindest über einen hohen Schlitz entsprechend Bein zeigen.

Konträr zu dieser fließenden Silhouette steht die hautenge Linie: Pannesamt-Stretch-Anzüge, Lycra-Kleider oder Jersey-Radlerhosen betonen die Figur. Die strumpfhosenartigen Leggins haben sich endgültig durchgesetzt. Sie werden in allen erdenklichen Materialien getragen, aus glänzendem Lycra in froschgrün oder butterblumengelb, aus rotem Pannesamt oder schwarzem Strickstoff.

Ein Comeback feiern Pucci-Muster, jene in den 50er Jahren von dem Florentiner Modeschöpfer Emilio Pucci entworfenen, ineinanderfließenden starken Pastellfarben. Daneben behaupten sich auch Tierdrucke, Jaguar, Leopard und Tiger, die jedoch keineswegs mehr ältlich wirken.

Besonderen Modemut bedarf es, Brassières, Spitzen- und Seidenbüstenhalter – wie Modevorbild Popstar Madonna – als Oberteil zu tragen. Der Pariser Modeavantgardist und »enfant terrible« Jean-Paul Gaultier entwirft Madonnas exzentrische Bühnenkostüme, die eine Neo-Dessous-Welle ins Rollen bringen. Körbchen-BH, Strumpfbandgürtel und Strapse sowie Spitzenbodys sind »in«. Auch Kleider erhalten Oberteile in Form der Büstenhalter.

Der italienische Modedesigner Gianni Versace kreiert reich bestickte Brassière-Kleider, Bodys und Leggins-Anzüge. Die Modernität der Allover-Stickerei liegt in der Mischung von Metallbeschlägen, Nieten, Muscheln und Samen neben Strass Flitter und Jett. Die Wirkung reicht von barocker Opulenz bis aggressiver Feminität. Durch die Stickerei auch auf Jeans erheben diese erstmals einen Luxusanspruch: Blue und Black Denims finden so auch in die Haute Couture Eingang.

Vollkommen gegensätzlich dazu präsentiert sich die Mode der Japaner. Sie ist bequem, weit, meist schwarz, puristisch und ohne Verzierungen. Den Stil des Modedesigners Yohji Yamamoto dokumentiert Wim Wenders’ neuer Film »Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten«.

Eine besondere Vorliebe entwickeln Modemacher für Gewickeltes und Geschlungenes sowie für asymmetrische Formen. Kostüme werden asymmetrisch geknöpft, Miniröcke gewickelt oder drapiert. Karl Lagerfeld, der meist gepriesene Modeschöpfer der Zeit, findet neue einfallsreiche Lösungen für das Chanelkostüm. Er bringt S-förmige Vorderfronts, asymmetrische Revers oder drapierte Kragen.

Mäntel sind durch die neue Cocoon-Linie variantenreicher denn je. Ein Tunnelzug um den Saum langer Seidenparkas oder mondäne Rautenmuster auf Steppjacken geben die modische Ei- bzw. Kokonform. Breite, fast über die Schulter fallende Schalkragen betonen diese Linie. Beliebt sind aber auch die Trapezlinien der ebenso modischen kniekurzen Swinger. Als Materialien dienen Gore-Tex, ein Teflon-Faser-Vlies und superleichte Mikrofasern mit seidiger Optik. Wollweiß, braun und eisige Pastelltöne herrschen für die wärmenden Hüllen vor. Auch Lammvelour wird in Pastelltönen eingefärbt. Der echte Pelz wird – den Tieren zuliebe – zum Großteil zugunsten von Chemie- oder Naturfaserplüsch aufgegeben.

Anstelle von Handtaschen gelten Rucksäcke, sog. Citybags, als sehr dynamisch. Perlen werden zu allen Gelegenheiten als Modeschmuck getragen und werden mehrreihig um Hals und Handgelenk inzwischen auch gern zum sportlichen Outfit kombiniert.