Herd als High-Tech-Zentrum

Wohnen und Design 1990:

Die Wohnungsnot gehört 1990 zu den wichtigsten politischen Themen in Deutschland überhaupt. So wirkt sich kurzfristig der erhebliche Zuzug aus der DDR und dem Osten aus, der 1988 bis Mitte 1990 ca. 1,5 Mio. Menschen umfasst Hinzu verschärfen die wachsende Zahl an Single-Haushalten und die Umwandlung von Wohn- in Büroraum die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Der Rückzug des Bundes aus dem sozialen Wohnungsbau seit 1986 hat zur Folge, dass die Zahl der Sozialwohnungen 1990 mit 91 000 etwa auf den Stand von 1980 fällt.

In Ostdeutschland gilt ca. jede der rund 7,08 Mio. Wohnungen als dringend renovierungsbedürftig, ca. eine Million als abbruchreif. Die Zahl der Neubauten sinkt 1990 gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel auf 62500. Ausstattung und Größe hinken aber um gut zwei Jahrzehnte dem bundesdeutschen Standard hinterher. So liegen Toilette und Bad bei jeder dritten DDR-Wohnung noch im Hausflur oder Hof. Vielen Wohnungen fehlt ein Bad, den meisten zumindest eine moderne Heizung.

Insgesamt entfallen auf die Menschen in den neuen Bundesländern im Schnitt 26 m2 Wohnfläche, in Westdeutschland hat jeder Bürger 37 m2 zur Verfügung.

Die soziale Schere klafft in Deutschland 1990 immer weiter auseinander: Not und Elend auf der einen stehen extremer Reichtum und Luxus auf der anderen Seite gegenüber. Dies zeigt sich auch in den aktuellen Trends der Designer. Nicht mehr der Nutzwert der Gegenstände ist von Bedeutung, sondern der Status, den er seinem Besitzer vermittelt: »Möbel werden nicht mehr nach den eigenen Wünschen gekauft, sondern nach ihrer beabsichtigten Wirkung auf andere.« behaupten der »Creativ Consultant« Karl Michael Armer und der Kunsthistoriker Albrecht Bangert. Im Extremfall bedeutet dies, dass der Design-Kunde in einer »simulierten« Wirklichkeit lebt, abseits seiner eigentlichen Wünsche.

Ein Beispiel dafür präsentieren die zum Modeobjekt gewordenen Küchenmöbel, bei denen ein Mehr an Technik und Ästhetik die Funktionalität verdrängt. So wird der Herd zum High-Tech-Zentrum unter erschwerten Gebrauchsbedingungen, die Einrichtung zum Life-Style-Zimmer ohne traditionelles Küchenzubehör. Dem Publikum aber gefällt es, und die Branche glänzt entsprechend mit enormen Wachstumsraten. Bis zu 80 000 DM kann ein solches Interieur dem Kunden wert sein. Jeder zweite Käufer gibt 1990 mehr als 9000 DM für einen Neukauf aus, Mitte der 80er Jahre war es nur jeder dritte Kunde.

Den Blick in die allein am Gebrauch orientierte Richtung gestattet der US-Amerikaner Ward Bennet mit seinen »kargen Holzmöbeln«, wie ein Kritiker im Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« die Stücke bezeichnet. Bennets klassisch-eleganter Stil wird im Dezember bei einer Ausstellung im New Yorker International Design Center gefeiert. Der 73-jährige entwarf allein 150 Stuhlmodelle, die sich ausschließlich streng nach den Bedürfnissen der menschlichen Anatomie richten.

Dem konventionellen Stil verfallen ist die Deutsche Möbelindustrie: »Ein Stuhl, auf dem ich nicht sitzen kann, ist inhuman«, versichert Erich Naumann, als Verbandsgeschäftsführer der Deutschen Möbelindustrie bei der Internationalen Möbelmesse in Köln vertreten. Neun deutsche Designer »von Weltrang«, darunter der Düsseldorfer Volker Laprell und der Westfale Jochen Flacke, unterstützen Naumann bei der Messe mit ihren Einfällen, um bei Stuhl und Schrank den angeblichen Wunsch der Verbraucher durchzusetzen: »praktische Nutzen«, ausreichende »Sicherheit« und »lange Lebensdauer« der Möbel.

Von den Alternativ-Designern heißt es bei der Messe dagegen, ihre Neuheiten würden letztlich doch von den traditionellen Möbelentwerfern übernommen. Den Streit um die Formen der 90er Jahre kann aber auch die Möbel-Messe nicht ausräumen.