Notstand an den Unis

Bildung 1990:

»Bildungskatastrophe« und »Bildungsnotstand« – an Schlagwörtern zur Beschreibung der Hochschullandschaft mangelt es Anfang der 90er Jahre nicht, als im Westen die Statistik mit knapp 1,6 Mio. erstmals eine größere Zahl Studenten als Lehrlinge (1,5 Mio.) ausweist. Im Osten werden Universitäten und Schulen wie alle gesellschaftlichen Bereiche den westlichen Standards angepasst

1990 studieren mehr als dreimal so viele junge Männer und Frauen als noch 1970. Selbst die immer ungünstigeren Berufsaussichten halten sie nicht davon ab, auf die Universitäten zu gehen. Entschieden sich 1985 noch 19,7% der jungen Erwachsenen zwischen 19 und 21 Jahren für ein Studium und gegen eine Lehre, so hat sich ihr Anteil bis 1990 mit 35,8% fast verdoppelt. Gründe dafür sind die Hoffnung auf ein besseres Einkommen und auf höheres gesellschaftliches Ansehen. Zudem ist trotz des Stellenmangels die Arbeitslosigkeit unter Akademikern geringer. Vor allem die Absolventen naturwissenschaftlicher und technischer Fächer werden in der Wirtschaft gesucht.

Dass die Zahl der Hochschüler so stark angestiegen ist, liegt aber auch an der langen Studiendauer. 14 Semester, sieben Jahre also, braucht der bundesdeutsche Durchschnittsstudent 1990, um zum ersten Abschluss zu kommen. Mit knapp 28 Jahren ist er damit wesentlich älter als seine Kommilitonen etwa in Frankreich und Großbritannien, die schon mit 26,2 und 22,8 Jahren die Unis mit einem Abschluss verlassen.

Verantwortlich dafür sind nicht zuletzt die Kosten des Studiums: Immer mehr Studenten kommen mit der Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) nicht aus und müssen Geld hinzuverdienen. Mindestens ein Semester geht ihnen so verloren, ergibt eine Studie 1990. Die Lage vieler Studenten wird immer prekärer: Bezog 1980 noch rund ein Drittel der Hochschüler BAföG, so sind es 1990 noch 18,4%. Bildungsminister Jürgen Möllemann (FDP) trägt dem mit einer BAföG-Reform Rechnung, die am 1. Juli in Kraft tritt. Danach wird zum einen der Kreis der geförderten Studenten erweitert; zum anderen müssen die Hochschüler nicht mehr die gesamte Förderungssumme als Darlehen an den Bund zurückerstatten, sondern nur noch die Hälfte.

Die Bildungspolitik ist 1990 auch ein heißes Eisen in den neuen Bundesländern: »Abwicklung«, heißt das Schlüsselwort. Die Länder können bis zum 2. Januar 1991 akademische Einrichtungen der Ex-DDR auflösen, ohne sich um das Arbeitsrecht kümmern zu müssen. Danach tritt der Kündigungsschutz nach westdeutschem Recht in Kraft. 90 Einrichtungen und ganze Hochschulen werden aufgelöst, da sie ideologisch vorbelastet sind oder nicht in die neuen Pläne passen. Bis 1991 müssen sich 28% (18 500 Wissenschaftler und Angestellte) des gesamten Uni-Personals eine neue Stelle suchen.