Qualität ist gefragt

Ernährung, Essen und Trinken 1990:

In Folge der anhalten Diskussionen um die Seuche BSE, den sog. Rinderwahnsinn, hat es Fleisch nach den Skandalen der vergangenen Jahre um Kälbermast und Schweinepest erneut schwer. Da nimmt es schon fast Wunder, dass der Pro-Kopf-Verbrauch in diesem Jahr nur ganz leicht von 100,1 auf 99,1 kg fällt.

Der Konsum von sog. leichten und kalorienarmen Lebensmitteln verstärkt sich hingegen 1990 nochmals, zumal fast alle Branchen derartige Produkte in ihr Sortiment aufgenommen haben. Marktforscher sehen hier auch eine Folge der deutschen Alterspyramide, in der der Anteil der Senioren immer mehr zunimmt – damit aber auch die Nachfrage nach höherwertigen Nahrungsmitteln.

Selbst Fertiggerichte machen hierbei keine Ausnahme: Bei Vollkornrollen werden die hohe Qualität und die natürliche Beschaffenheit angepriesen.

Selbst die Schnellimbissketten setzen verstärkt auf diesen Trend und bieten Salate mit frischen Zutaten an, die sich bald ebenso großer Beliebtheit erfreuen wie die traditionellen Fleischklopse.

Gesundheit steht auch beim Genuss der Getränke an erster Stelle: Nicht nur durch die wochenlang anhaltenden hochsommerlichen Temperaturen im »Jahrhundertsommer« steigt der Konsum an Mineral-, Quell- und Tafelwasser an: Die Bundesbürger haben ihren Verbrauch insgesamt in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. 1990 trinkt der Durchschnittsbürger über 80 l des gesunden Energiespenders. Bis zur Jahrtausendwende sollen es sogar 100 l werden, wenn die Entwicklung nach den Prognosen der Branche geht.

Auch das Bier passt sich voll der Gesundheitswelle an: Seit Jahren geht es außer bei den Premium-Pilsen vor allem mit den Diät-, alkoholfreien und alkoholarmen Bieren deutlich aufwärts. Insgesamt hingegen leiden die Hersteller des schmackhaften Gerstensaftes aber unter einem leichten Rückgang des Bierkonsums. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass das Jahr 1990 noch einmal als neues Rekordjahr ausgewiesen werden kann, denn dies ist in erster Linie der deutschen Vereinigung zu verdanken. 103 Mio. Hektoliter gehen insgesamt über die Theke, im Westen werden davon aber nur 94,5 Mio. und damit etwas weniger als 1989 getrunken.

Unverändert bleibt Bier aber eines der meistgetrunkenen Industrieprodukte in Deutschland, das nur noch von Kaffee geschlagen wird. Ausländische Importe haben allerdings kaum Chancen auf dem deutschen Markt: Allenfalls exklusive Marken aus Dänemark, der Tschechoslowakei oder aus Irland gehen häufiger über den Tresen.

Während die Bürger der ehemals beiden deutschen Staaten beim Bier einen ähnlichen Geschmack haben, sieht es bei den Spirituosen anders aus: Hier liegen die Ostdeutschen weit vorne mit einem Verbrauch von mehr als 16 l pro Kopf. Im Westen kommen die Bürger gerade mal auf 6 l.

Nicht nur gesundheitsbewusst wird 1990 im Übrigen gegessen und getrunken – schön und gut muss es dabei auch sein. Seit Jahren lässt es der wachsende Wohlstand eines Teils der Bevölkerung zu, dass die Gelüste nach feineren Genüssen, nach Austern, Hummer und Champagner, befriedigt werden können. Die Restaurants haben sich entsprechend eingestellt, und selbst in großen Warenhäusern sind die Lebensmittelabteilungen total aus der Mode gekommen: Vielmehr sind jetzt die »Schlemmertreffs« im Kommen. Nach dem Einkauf oder bei einer kleinen Pause zwischendurch kann zwischen den Regalen an eigens eingerichteten Snack-Tresen gegessen werden. Die Kunden können sich ihren Fisch quasi aus dem Aquarium wählen und die frische Zubereitung beobachten.

Die Ernährungswirtschaft hat angesichts der neuen Trends Grund zur Freude. Auch die Kunden aus den fünf neuen Ländern tragen 1990 dazu bei, dass der Umsatz um gut 8% auf ca. 177 Mrd. DM ansteigt. Der Export trägt dazu mit einem Plus von 0,5% nur wenig bei.