Appelle an das Gewissen

Ernährung, Essen und Trinken 1991:

Gesund, fit und schlank – an diesen Idealen orientieren sich zu Beginn der 90er Jahre die Werbestrategen der Lebensmittelkonzerne, gibt es doch hinsichtlich der Ernährung einiges nachzuholen, damit der Durchschnitts-Bundesbürger diesen Zielvorstellungen entspricht.

Wie eine Mitte 1991 vorgelegte Verzehrstudie der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung belegt, nehmen die Menschen in den alten Bundesländern immer noch zu viele Fette und Eiweißstoffe zu sich, während die Versorgung mit Kohlenhydraten aus Brot, Obst und Gemüse weiterhin ungenügend ist. 47% der Frauen und 39% der Männer in Westdeutschland leiden an Übergewicht.

Als Positivum wird registriert, dass der Fleischkonsum der Westdeutschen seit Jahren sinkt. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch ist von 69,7 kg im Jahr 1988 auf 64,0 kg 1991 zurückgegangen, und es hat eine Verlagerung zu »gesünderen« Sorten stattgefunden. Schweine-, Rind- und Kalbfleisch, vor allem aber Innereien werden immer weniger verzehrt, während der Konsum an Geflügel und Lammfleisch zugenommen hat. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung spricht 1991 die Empfehlung aus, nur zwei- bis dreimal wöchentlich Fleisch zu essen, da ein häufigerer Verzehr Herz- und Kreislauferkrankungen fördern könne.

Die Essgewohnheiten in den neuen Bundesländern sind offensichtlich noch problematischer als in Westdeutschland. 1990 stellte eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Vermutung auf, dass die um zwei Jahre geringere Lebenserwartung der Ostdeutschen auf falsche Ernährung zurückzuführen sei. Das Bundesgesundheitsministerium registriert außerdem eine hohe Belastung ostdeutscher Lebensmittel mit Pflanzenschutzmitteln, die in der Bundesrepublik seit 1971 verboten sind, sowie mit Schwermetallen.

Trotz einiger ebenso süffisanter wie unappetitlicher Presseberichte über die Produktion billiger Nahrungsmittel-Ersatzstoffe in der ehemaligen DDR – aus grünen Tomaten gewonnenes »Kandinat« anstelle von Zitronat, Pralinenfüllungen aus mit Zucker und Aromaten versetztem Erbsenbrei – entdecken die Ostdeutschen wieder ihr Herz für einheimische Produkte: Ketchup der Marke »Exzellent«, Radeberger Pils, Spreewälder Gurken, »Rotkäppchen«-Sekt, Eberswalder Wurstwaren, Margarine der Marken »Sana« und »Sonja«, »Club-Cola« und Radebeuler Bockwürste sind zwar wieder gefragt, jedoch in den ostdeutschen Filialen der Supermarktketten aus dem Westen in der Regel kaum zu finden. Nach der Vereinigung ist der Marktanteil ostdeutscher Produkte am Lebensmittelumsatz in den neuen Bundesländern nicht zuletzt wegen der Einkaufspolitik der dort dominierenden westdeutschen Handelsketten auf etwa 10% gesunken.

Gesundheit und Fitness erwarten sich viele Deutsche in West und Ost von der sog. Trenndiät, einem Ende des 19. Jahrhunderts von dem US-amerikanischen Arzt Howard Hay entwickelten Speisefahrplan, der jede Vermischung von kohlenhydrathaltiger und eiweißreicher Nahrung bei einer Mahlzeit vermeidet, da andernfalls mit Übergewicht, Depressionen, Blähungen und Abgeschlagenheit zu rechnen sei. Hays Annahmen, dass Kohlenhydrate im Magen basisch zersetzt, Eiweiße dagegen durch Säure zerlegt würden und dass eine Vermischung dieser Sekrete für die Verdauung schädlich sei, werden von Ernährungswissenschaftlern zwar bestritten, dennoch wächst die Zahl der Trenndiät-Gläubigen, wie ein Blick auf den Buchmarkt belegt: »Köhnlechners Trenn-Diät«, »Cholesterinarme Trennkost« von Ursula Stumm, vor allem aber » Fit fürs Leben« von Harvey und Marilyn Diamond sind die erfolgreichsten Titel in diesem Bereich.

Mit einem Kochbuch der besonderen Art macht der französische Amateurkoch Bruno Comby von sich reden: »Délicieux Insectes« (Köstliche Insekten) heißt das Werk, das für einen vermehrten Konsum der Kerbtiere wirbt.