Arbeitsmarkt uneinheitlich

Arbeit und Soziales 1991:

Die hohe Arbeitslosigkeit bleibt auch Anfang der 90er Jahre in den Industrieländern ein Problem. Die 24 Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) melden angesichts niedrigerer Wachstumsraten (1991: plus 0,8%) eine Zunahme der Erwerbslosigkeit auf 6,1%, in den zwölf Ländern der EG sogar auf 8,7%.

Während die Zahl der Arbeitslosen in Westdeutschland im Jahresdurchschnitt mit 1,689 Mio. (Quote: 6,3%) seit 1989 weiterhin rückläufig ist, steigt sie in den neuen Bundesländern rasch an; 1991 sind dort 913 000 Menschen arbeitslos (Quote: 10,3%).

Der Rückgang in den alten Bundesländern ist eine Folge der zunehmenden Nachfrage in Ostdeutschland nach Gütern des privaten Bedarfs aus dem Westen. Die umfangreichen staatlichen Transferleistungen in die neuen Bundesländer (<!– –>8.3.<!– –>) sorgen jedoch kaum für mehr Beschäftigung im Osten. Der Arbeitsmarkt Ost ist geprägt durch folgende Faktoren:

  • Die Zahl der Kurzarbeiter ist mit rd. 1,9 Mio. (Stand Juni 1991) sehr hoch
  • Knapp 150 000 Personen sind in befristeten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen tätig
  • Etwa 600 000 ehemalige Angestellte des öffentlichen Dienstes beziehen maximal neun Monate ein sog. Wartegeld in Höhe von 70% des letzten Bruttogehalts.

Die Beschäftigten Ost verdienen weniger als ihre Kollegen im Westen: Arbeiter und Angestellte in der Industrie erhalten 50% bzw. 42% des Westlohns.

In Gesamtdeutschland gibt es 38,9 Mio. Erwerbspersonen, aber nur 36,3 Mio. sind auch tatsächlich erwerbstätig. In den neuen Bundesländern werden 7,2 Mio. Erwerbstätige gezählt, dies sind 1,7 Mio. weniger als im Beitrittsjahr 1990.

Zu den Verlierern der deutschen Einheit gehören in erster Linie die Frauen in den neuen Bundesländern, wo zu DDR-Zeiten rd. 80% berufstätig waren. Mit einer Quote von 11,2% (Stand: Juni 1991) sind sie weitaus stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als die Männer (Quote: 8,0%). Hinzu kommt der Abbau von Kindertagesstätten und anderen staatlichen Einrichtungen, unter dem vor allem berufstätige Mütter leiden. Sie gehören auch zu den vorrangigen Interessentinnen für Teilzeitarbeitsplätze. Allerdings ist das Teilzeitangebot in Deutschland im Vergleich zu den Niederlanden oder Skandinavien noch gering. 1991 gibt es in den alten Bundesländern 2,5 Mio. Teilzeitstellen (1980: 1,6 Mio.), davon wurden 2,3 Mio (1980: 1,5 Mio.) von Frauen besetzt.

Über mögliche Wege zur Überwindung des Beschäftigungsnotstands sind sich die Experten uneins: Während die Arbeitgeber niedrigere Lohnzuwachsraten und eine Senkung der Lohnnebenkosten verlangen, setzen die Gewerkschaften auf Arbeitszeitverkürzung und bessere Qualifikation.

Allerdings ist die Qualifikation der Erwerbstätigen schon 1991 höher als im Vergleichsjahr 1976: 20% sind ungelernt (1976: 35%); 59% haben eine abgeschlossene Lehre (51%), 9% einen Meisterbrief oder Fachschulabschluss (9%) und 12% einen Hochschulabschluss (5%).

Angesichts der zunehmenden Zahl von Langzeitarbeitslosen – 1991 finden in Westdeutschland nur 49% der Erwerbslosen wieder eine Arbeit – wachsen die Ausgaben für die Sozialhilfe auf 37,3 Mrd. DM an (Stand 1986: 23,2 Mrd.). Damit tragen Städte und Gemeinden vermehrt die Sorge für den Lebensunterhalt der Bedürftigen.

Die Sozialhilfe ist jedoch nur ein Teil des Sozialbudgets in Deutschland, das ein Gesamtvolumen von 764,9 Mrd. DM hat. Der größte Teil davon wird für die gesetzliche Krankenversicherung (159,9 Mrd. DM) sowie für die Rentenversicherung der Arbeiter (121,9 Mrd. DM) und Angestellten (99,7 Mrd. DM) ausgegeben.

Die Renten in Ostdeutschland werden zum 1. Januar und zum 1. Juli 1991 erhöht. Ein Durchschnittsverdiener nach 45 Versicherungsjahren erreicht dann eine Rentenhöhe von 889 DM (Stand am 1. 7. 1990: 672 DM).