Osten kopiert Westsystem

Bildung 1991:

Das deutsche Bildungswesen ist 1991 von der Annäherung der Bildungseinrichtungen in den neuen Bundesländern an die in der alten Bundesrepublik geprägt. In den CDU-regierten Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird ein zweigliedriges System geschaffen: Haupt- und Realschule sind zu einer Schulform zusammengefasst in der ab der 7. Klasse differenziert wird; einzige Alternative dazu ist das Gymnasium. In Mecklenburg-Vorpommern setzt man dagegen auf die Dreiteilung in Haupt-, Realschule und Gymnasium. Die Gesamtschule kann in allen vier Ländern als Versuchstyp eingerichtet werden, ist aber nicht als Regelfall vorgesehen.

In Brandenburg orientiert sich die Regierung aus SPD, FDP und Bündnis 90 bei der Neuordnung der Schule am Beispiel Bremens. Wie dort wird eine sechsjährige Grundstufe eingerichtet, an die sich eine vierjährige Sekundarstufe mit der Wahlmöglichkeit zwischen Gymnasium, Gesamt- und Realschule anschließt. Das Abitur kann in sog. Oberstufenzentren erworben werden.

Die Veränderungen in den neuen Bundesländern haben nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer gravierende Auswirkungen. Nach dem Einigungsvertrag müssen sich alle Lehrer aus der früheren DDR einer fachlichen Eignungsprüfung unterziehen; darüber hinaus ist die Überprüfung ihrer politischen Vergangenheit, etwa der Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst, vorgesehen.

Es wird damit gerechnet, dass zwischen 20 000 und 30 000 Lehrer in den neuen Bundesländern ihren Job verlieren. Begründet werden die Entlassungen mit der Notwendigkeit, das Schüler-Lehrer-Verhältnis von durchschnittlich 12: 1 an die westdeutschen Verhältnisse (15: 1) anzupassen. Auch hier geht Brandenburg eigene Wege. Durch die Kürzung der Bezüge und des Stundenvolumens der Lehrer werden Entlassungen vermieden.

Im Schulwesen der alten Bundesrepublik sorgt 1991 vor allem ein von der nordrhein-westfälischen Landesregierung in Auftrag gegebenes Gutachten der Unternehmensberatungsfirma Kienbaum für Aufregung. Die Gutachter kommen u.a. zu dem Ergebnis, dass in der Konkurrenz zwischen Gesamtschulen und den traditionellen Schulformen die Gesamtschulen durch eine überdurchschnittliche Zuweisung von Lehrerstellen vom Staat bevorzugt werden. Dadurch, aber auch durch Fortbildungsveranstaltungen, Freistunden für Lehrer mit Extraaufgaben und die Aufrechterhaltung zu kleiner Schulen und Klassen sei der Grundunterricht an vielen Schulen nicht mehr gewährleistet. Wenn der Unterricht gemäß Lehrplan abgehalten werden solle, müssten etwa 16 000 neue Lehrerstellen geschaffen werden. Die nordrhein-westfälische Regierung kündigt am Jahresende an, sie wolle als Konsequenz aus dem Gutachten Qualifizierungsmaßnahmen und Ermäßigungsstunden abbauen, die durchschnittliche Klassengröße erhöhen und die maximale Wochenstundenzahl der Schüler um eine auf 30 verringern. Neben Organisations- und Verteilungsproblemen stellt sich aber auch die Frage, ob das angestammte Schulsystem mit den Schwierigkeiten der jungen Generation – etwa wachsende Aggressivität und Unlust der Schüler – umgehen kann. Der SPD-Bildungspolitiker Wolfgang Nowak, Staatssekretär im sächsischen Kultusministerium, umreißt die Situation vor dem Hintergrund des Kienbaum-Gutachtens: »Das Land Nordrhein-Westfalen steckt irrsinnige Summen in ein Schulsystem, das mit den wirklichen Problemen, mit unmotivierten Lehrern und gestörten Schülern, überhaupt nicht fertig wird.« Darüber hinaus ist auch die Vermittlung von Grundkenntnissen nicht mehr gewährleistet. Die Zahl der Analphabeten in Deutschland wird auf 600 000 bis 3 Mio. geschätzt. Eine Studie in Österreich enthüllt 1991, dass unter den 14-jährigen fast ein Drittel nicht in der Lage ist, einfache Rechnungen durchzuführen, und nicht richtig lesen kann.