Bescheidenheit als Stil

Ernährung, Essen und Trinken 1992:

1992 zählt zu den Jahren, die deutsche Verbraucher in weniger guter Erinnerung behalten. Schuld daran ist vor allem das Ei als Hauptüberträger der Salmonellen. Besonders im Juni werden die Konsumenten von Meldungen über Todesfälle und schwere Erkrankungen aufgeschreckt. »Tödliche Eier« nennt das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« die Verursacher auf einem Titel, das Satireheft »Titanic« wirbt mit einer Packung Eier als »Sterbehilfeset«.

In der Tat sind die Liebhaber von eierhaltigen Süßspeisen oder weichgekochten Frühstückseiern stark gefährdet. Zwischen 1985 und 1992 hat sich die Zahl der registrierten Salmonellen-Vergiftungen von 30 000 auf 200 000 vervielfacht. Die Dunkelziffer wird auf 2 Mio. geschätzt. Die Zahl der Todesopfer steigt von 48 im Jahr 1986 auf rund 200 im Jahr 1992.

Das Bundesgesundheitsamt macht vor allem mangelnde Hygiene bei Aufbewahrung und Zubereitung der Eier für die Zunahme der Erkrankungen verantwortlich. Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer schreibt den Eierhändlern deshalb 1993 vor, das Legedatum auf den Verpackungen zu vermerken. Die Eier müssen außerdem vor hohen Temperaturen geschützt werden.

Der Verbraucher reagiert mit Verzicht. 292 Eier aß der Deutsche zu den Spitzenzeiten 1972 pro Jahr. 20 Jahre später sind es gerade noch 240 Stück.

Die Hühnerprodukte gehen damit denselben Weg, den die Verbraucher dem Fleisch zugedacht haben. Skandale um Kälber- und Schweinemast, tierquälerische Viehtransporte durch ganz Europa und zuletzt die in Großbritannien grassierende Rinderseuche BSE verderben selbst überzeugtesten Fleischessern teilweise den Appetit. 1992 kommen in Deutschland durchschnittlich 62,9 kg Fleisch auf den Teller – sechs Jahre zuvor waren es noch knapp 70 kg; Tendenz weiter fallend.

Lebensmittelskandale, Aufrufe der Mediziner zu gesünderer und vielseitiger Ernährung, nicht zuletzt auch das durch die Wirtschaftskrise knapper werdende Geld fördern den Trend zur »Neuen Bescheidenheit«. Der Züricher Gastronomiekritiker Werner Knecht interpretiert sie so, »daß die meisten von uns genug haben vom ständigen Zelebrieren des unbeschwerten, unbeschränkten Yuppie-Lebens und statt dessen die finanziellen Mittel lieber gezielt einsetzen – je nach Anlaß und Gelegenheit«.

Auch Nahrungs- und Genussmittel mit den Schlagworten »gesund und fit« liegen im Trend. »Light-Produkte« mit einem geringeren Anteil von Alkohol, Nikotin, Fett oder Koffein konnten zwar schon seit den 80er Jahren Umsatzsteigerungen um 20% verzeichnen. Zweistellige Zuwachsraten werden aber weiterhin als sicher erachtet, zumal sich neuartige Produkte mit niedrigem Cholesteringehalt langsam einen Markt erobern. Obwohl sich die Bürger in den neuen Bundesländern 1992 wieder verstärkt auf Lebensmittel aus der Region konzentrieren, ist die »Light-Welle« auch hier obenauf.

Bei den Trinkgewohnheiten der Deutschen gibt es hingegen erhebliche Unterschiede zwischen West und Ost. Hat sich beispielsweise der Verbrauch von Mineralwasser im alten Bundesgebiet seit 1980 auf 89 l pro Kopf mehr als verdoppelt, so hält er sich zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern weit darunter.

Auch bei Wein und Sekt liegt der Westen vorn, während die Ostdeutschen im Schnapskonsum führen. Der Bierdurst bringt jedoch Einigkeit: Knapp 143 l rinnen die deutsche Duchschnittskehle hier wie da hinunter.

Gerade Bier aber ist Hauptursache für den hohen Verbrauch an reinem Alkohol, der den Deutschen 1992 die Weltspitze sichert. 12 l trinkt jeder Bundesbürger im Schnitt, nur wenig mehr als der Franzose (11,8), aber schon erheblich mehr als der Schweizer (10,1) und fast doppelt so viel wie der US-Bürger (6,9). Die Kulturdroge Alkohol ist in Deutschland jährlich für den Tod von rund 40 000 Menschen verantwortlich.