Die Devise: »Edler, teurer, origineller«

Die Devise: »Edler, teurer, origineller«
Skulptur von Frank Gehry am Hafen vor Hochhäusern des Olympischen Dorfes in Barcelona. © Foto Josef Höckner, München

Architektur 1992:

Nicht nur das olympische Barcelona kann mit Rekorden aufwarten, auch auf dem Gebiet der Architektur ist ein weltweiter Wettkampf um neue Formen, immer edlere Materialien und verblüffende Details ausgebrochen.

Spanien steht dabei im Blickpunkt des Geschehens, hat es doch gleich zwei Großereignisse zu verzeichnen, die seit jeher Anlass zu avantgardistischen oder zumindest kühnen Konstruktionen boten: die Olympischen Spiele in der katalanischen Metropole und die Weltausstellung in Sevilla.

Barcelona kann neben einem vielbeachteten Städtebauprogramm mit zahlreichen Highlights der internationalen Sport- und Kommunikationsarchitektur glänzen. Allen voran ist der Palau de Sant Jordi, eine Mehrzweckhalle des japanischen Architekten Arata Isozaki auf dem Montjuic zu nennen. Wegen seines kompakten, sanft gewölbten Daches mit dem Panzer einer Schildkröte verglichen, überrascht der Bau im Inneren durch seine Leichtigkeit und Transparenz. Der Raum wird weitgehend durch natürliches Licht erhellt, das durch hunderte kleiner Lichtkuppeln eindringt.

Mit dem Torre de Collserola bekommt die Stadt ein weithin sichtbares Wahrzeichen. Trotz seiner 256,5 m wirkt der Fernsehturm von Norman Foster fragil wie ein Schachtelhalm, ein Eindruck, der dank modernster Technik und ausgeklügelter Statik erzielt wird.

Ein Jahrmarkt architektonischer Eitelkeiten ist dagegen die Expo ’92 in Sevilla. Zur Feier des 500. Jahrestags der Entdeckung Amerikas sind hier zahlreiche Nationen zusammengekommen, um auch durch ihre Baukunst ihre Identität und Leistungsfähigkeit zur Schau zu stellen. Herausragende Werke sind kaum zu verzeichnen. Stattdessen dominiert das Detail, das sich oft bunt und reißerisch präsentiert und die Architektur in den Hintergrund drängt.

Inmitten der High-Tech-Bauten fallen zwei Beiträge auf, die virtuos mit natürlichen Materialien umgehen: Tadao Andos japanischer Pavillon, der traditionelle Holzarchitektur mit futuristischen Formen verbindet, und der finnische Komplex aus zwei schlichten, aber wirkungsvollen Raumkörpern.

Geklotzt wird auch in der BRD: In Bonn werden zwei Museumsbauten fertiggestellt, die Prestigeobjekte der in Ablösung begriffenen Bundeshauptstadt sind.

Die Bundeskunsthalle des Wieners Gustav Peichl inszeniert sich als Aufmerksamkeit heischender Einzelbau – der Umgebung gegenüber verschlossen. Das festungsähnliche Äußere ist mit kecken Türmchen, einer gewellten Glasfassade und anderen postmodernen Details aufgelockert, kann aber ästhetisch kaum überzeugen.

Anders Axel Schultes’ Kunstmuseum, das geschickt mit der städtebaulichen Situation spielt. Klare Betonstrukturen, durchschaubare Wände, elegante Treppenanlagen machen das Museum zu einem Bau, der seine Funktion perfekt erfüllt und zugleich seine Umgebung bereichert.

Die größte Aufmerksamkeit erfährt jedoch die Fertigstellung von Günter Behnischs Plenarsaal des Bundestages in Bonn. Symbolträchtig gewährt der Bau überall Einsicht, er soll »eine Metapher für das Ideal unserer gesellschaftlichen Ordnung«, ein »heiteres Parlament« sein. Zentrum ist der runde Abgeordnetensaal, von dessen Form sich die Planer größere Diskussionsfreude versprechen.

Symbolsprache auf ganz andere Art kreiert man in den USA. In Disney-World in Orlando/Florida werden Servicebauten für das Imperium der Mickymaus vollendet. Riesenschwäne zieren Michael Graves’ Hotel Swan; der Verwaltungsbau des Konzerns wird von einem Triumphbogen aus überdimensionalen Mickymausohren beherrscht.