Im Osten bleiben Babys aus

Arbeit und Soziales 1992:

»Land ohne Kinder« oder »Ein Volk unter Schock« heißt es später in den Schlagzeilen. Tatsächlich droht Ostdeutschland seit der Vereinigung 1990 eine schleichende Entvölkerung. So machen sich zwischen 1989 und 1992 über 1,2 Mio. Menschen in den Westen auf, während nur 23 000 den umgekehrten Weg gehen. Für die Zukunft Ostdeutschlands gravierender ist aber seit 1990 ein so starker Einbruch der Geburtenrate, wie er zuvor nie erlebt wurde – weder in Kriegszeiten noch während der Weltwirtschaftskrise. 216 000 Kinder bekamen die ostdeutschen Frauen noch 1988.1992 sind es nur noch 88 000 – knapp 60% weniger. Mit 5,6 Babys pro 1000 Einwohner haben die Länder zwischen Erfurt und Rostock die niedrigste Geburtenrate der Welt. Selbst in den alten Bundesländern liegt sie mit 11,1 Geburten pro 1000 Einwohner fast doppelt so hoch. Die Tendenz hält an: 1993 gebären die ostdeutschen Frauen nur noch 80 500 Kinder.

Selbst das Heiraten kommt aus der Mode: Die Zahl der Eheschließungen geht um zwei Drittel zurück und fällt auf 48 000 . Sie liegt damit ebenfalls erheblich niedriger als in vergleichbaren Kulturen westlicher Industrieländer. Als Haupterklärung für diese Phänomene nennen Wissenschaftler den ausgeprägten Schock von 1990, als den Ostdeutschen über Nacht ein anderes System mit neuen Normen und Werten übergestülpt wurde. So bestimmten in der DDR staatliche Vorgaben die private Lebensplanung. Die weitgehende Offenheit in der BRD führt deshalb erst einmal zu tiefer Verunsicherung und zum Verzicht auf Kind und Familie. Jenseits solcher Erklärungsversuche liegen aber eindeutige Gründe auf der Hand: plötzliche Arbeitslosigkeit, neue Aussichten im Beruf etwa durch eine Umschulung oder auch ein Studium. All dem könnte ein Kind entgegenstehen, zumal die ostdeutschen Frauen am stärksten von der Wirtschaftskrise betroffen sind. Bei 14,8% liegt die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern, sogar 19,6% erreicht sie bei den Frauen. Darüber hinaus muss erst einmal verkraftet werden, dass die BRD der DDR in puncto Kinderfreundlichkeit weit hinterherhinkt. Kinderkleider waren billig, für alle gab es einen Platz in Krippe und Kindergarten. Frauen wurde der angestammte Arbeitsplatz garantiert, der Erziehungsurlaub gut vergütet. In der Bundesrepublik hingegen werden Kinder zum Armutsrisiko, wie die Armutsberichte des DGB und der Caritas vom 8. September dokumentieren. Besonders erschreckend ist, dass 45,5% aller ostdeutschen Paare mit drei oder mehr Kindern als arm bezeichnet werden müssen, im Westen immerhin noch 16,2%. Insgesamt hat im Osten mehr als jedes fünfte und im Westen fast jedes achte Kind zu wenig Geld zum Lebensunterhalt.

Damit zeigt sich, das der sog. Ausgleich für die Lasten der Familie etwa über Kinder- und Erziehungsgelder kaum funktioniert. Das Bundesverfassungsgericht bemängelt am 7. Juli vor allem das Rentensystem, das Eltern und insbesondere Frauen benachteilige. Während sie sich den Kindern widmen und ihren Beruf aufgeben, können Kinderlose durcharbeiten und ihre Beiträge für die Rentenkasse entrichten. Höhere Renten, die zudem von den Kindern der anderen finanziert werden, sind dann die Belohnung. Das Urteil verpflichtet deshalb den Bundestag, die Kindererziehung schrittweise im Rentensystem anzurechnen. Auch die Versorgung mit Kindergärten soll verbessert werden, beschließt der Bundestag zusammen mit der Neufassung des Abtreibungsrechts. Danach erhält jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr ab 1996 das Recht auf einen Kindergartenplatz. Gerade die alte Bundesrepublik ist hinsichtlich der Krippenplätze zur ganztägigen Betreuung stark unterversorgt. Hier werden nur für 3,8% der unter drei Jahre alten Kinder Plätze angeboten. In Belgien und Frankreich liegt die Rate über 20%, in Dänemark bei 44%.