Pogromstimmung in Rostock, Morde von Mölln – Lichterketten gegen Ausländerfeindlichkeit

Politik und Gesellschaft 1992:

Und in Deutschland? Niemals zuvor seit Gründung der Bundesrepublik ist so deutlich geworden, wie Recht Bertolt Brecht hatte mit seiner Warnung: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem die Schlange kroch.« Nicht nur, dass die rechtsextremen Parteien Zulauf erhalten, nicht nur, dass die sog. Republikaner als bürgerliche Spielart dieses Denkens Wahlerfolge feiern können. Bei den Krawallen von Rostock werden der Welt auch noch tagelang Deutsche vorgeführt, die ihre Biedermann-Maske abwerfen und mit Neonazis gemeinsame Sache machen.

Diese Unterstützung stärkt die rechten Banden so sehr, dass Ausländer in Deutschland um ihr Leben fürchten müssen. Von der in offiziellen Botschaften gern vermittelten »Ausländerfreundlichkeit« ist lange Zeit nichts zu sehen. Erst die Morde von Mölln vermögen es im November, Politik und Justiz wachzurütteln. Vor allem aber verstärken die Bürger selbst ihren Einsatz gegen Intoleranz und Ausländerhass: Ungezählte Initiativen schießen aus dem Boden, organisieren Demonstrationen und Lichterketten. Sie machen den Rechtsaußen klar, dass die Deutschen beileibe nicht hinter ihnen stehen, dass von »gesundem Volksempfinden« gegenüber Andersaussehenden oder Andersdenkenden keine Rede sein kann. So endet das Jahr doch noch mit einem versöhnlichen Akzent.