Reisefieber trotz der Krise

Urlaub und Freizeit 1992:

Der Urlaub ist den Deutschen heilig. Auch im Krisenjahr 1992 machen sich 44,7 Mio. Bundesbürger auf in die Berge oder an den Strand: 3 Mio. mehr als im Vorjahr. Sie lassen bei ihren Vergnügungen mit 58,2 Mrd. DM gut 7 Mrd. DM mehr im Ausland als 1991. Von Rezession also keine Spur. Das Reisefieber grassiert in ganz Deutschland: 53,5% bzw. 51,5% der West- und Ost-Bürger verbringen ihre Ferien im Ausland.

Die finanziellen Möglichkeiten zeigen dann doch die Unterschiede. Nur jeder dritte ostdeutsche Urlauber kann mehr als 800 DM ausgeben, um »neue Eindrücke zu sammeln, viel zu erleben«, wie das Hauptreisemotiv der Neubürger lautet. Von den westdeutschen Reisenden hat dagegen fast jeder zweite diese Summe in der Tasche. Auf Ausgaben von 1600 DM und mehr kommen nur noch 6% der Ostdeutschen, aber immerhin 18% der Westdeutschen. Mit ihrem Urlaub haben die Westdeutschen vor allem eines im Sinn: »Abschalten und ausspannen«, heißt es in einer Untersuchung der Firma NUR.

So groß die Unterschiede bei Finanzen und Motiven auch sind, die hauptsächlichen Ziele im Ausland sind hier wie da dieselben: Österreich und Spanien. Jeder vierte ost- und fast jeder fünfte westdeutsche Erholungssuchende reist 1992 nach Wien und Salzburg oder in die Alpen. 13% zieht es nach Mallorca, an die Costa Brava oder nach Salamanca.

Unterhalb dieser Spitzengruppe beginnen die Unterschiede. So liegt das Reiseland Italien mit 13 zu 7% den Wessis weit näher als den Ossis. Letztere fahren dagegen gerne in Gebiete, die ihnen auch zu DDR-Zeiten offenstanden: die Tschechoslowakei mit 12 und Ungarn mit 6%.

Auch unter den Inlandsreisenden bevorzugt zwar die Mehrheit dasselbe Ziel Bayern, das von jedem vierten Touristen aus Ost und West besucht wird. Aber auch hier ist es danach mit den Ähnlichkeiten vorbei: Beim Bürger West folgen auf der Beliebtheitsskala die traditionellen Ferienländer Schleswig-Holstein (15%) und Baden-Württemberg (13%). Fast jeder fünfte Neubürger mit Urlaubsziel Deutschland reist dafür weiterhin nach Mecklenburg-Vorpommern, 10% nach Thüringen.

Den größten Fundus der Reisebranche in den neuen Ländern bilden die 832 Heime des ehemaligen Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes FDGB. Die Treuhandanstalt schafft es aber bis Saisonanfang im Juli gerade, den privaten Hoteliers zwischen Rügen und Sachsen 36% der Häuser und 45% der Betten zu übergeben.

Die Folge: Es fehlt sowohl an Unterkünften für die große Nachfrage der Urlauber wie am Geld für die dringend notwendige Modernisierung der Häuser. Der Seeort Bansin etwa auf der Insel Usedom kann gerade noch 15 000 von früher 35 000 Besuchern unterbringen, der Nachbarort Zinnowitz sogar nur noch 3500. Insgesamt gibt es an der Ostseeküste viele tausend Betten zu wenig.

Verkehrsmittel Nr. 1 auf der Fahrt in den Urlaub ist in West wie Ost mit großem Abstand das Auto, das von drei Fünftel aller Reisenden benutzt wird. Dafür ist die Bedeutung des Flugzeugs im Osten mit 8% nur halb so groß wie im Westen (17%). Ein Viertel aller Urlauber in den neuen Ländern bevorzugt das wohl billigste Verkehrsmittel: den Bus. Nur 6% fahren mit dem umweltfreundlichsten Verkehrsmittel, der Eisenbahn, in die Ferien.

Trotz des anhaltenden Booms in der Tourismus-Branche steckt mit dem Chartergeschäft ein wichtiger Bereich in der Krise. Die Gesellschaften haben nach dem zweiten Golfkrieg des Vorjahres mit einem großen Nachholbedarf an Urlaubsreisen gerechnet und sich deshalb mit weiteren Flugsitzen eingedeckt. Die Kapazitäten der Chartergesellschaften sind 1992 um rund 70% größer als noch fünf Jahre zuvor, die Zahl der Passagiere ist aber im selben Zeitraum gerade einmal um 40% gestiegen. Die Folge sind überaus billige Tickets. Ein Beispiel: Eine Flugreise nach Mallorca gibt es für 180 DM, fast geschenkt also.