Universitäten rufen wieder Bildungskatastrophe aus

Bildung 1992:

Viermal pro Woche gehen Essener Studenten vormittags ins Kino. Kein Höhepunkt des Filmschaffens steht auf dem Programm, sondern eine Vorlesung in ungewohntem Rahmen. 6000 DM monatlich lässt sich die Universität den Saal kosten, um dem traditionellen Problem der Hochschulen zu Leibe zu rücken: der Überfüllung.

Wie schon in den Vorjahren wird 1992 erneut die Bildungskatastrophe ausgerufen, als die Zahl der Studenten im Wintersemester alle Rekorde schlägt. Sie übertrifft mit 1,82 Mio. erstmals diejenige der Auszubildenden in den Betrieben und liegt um mehr als 100 000 über dem Vereinigungsjahr 1990. Allein in den alten Bundesländern streben gut 1,68 Mio. Studenten und Studentinnen in Richtung Diplom oder Doktorhut: 600 000 und damit 60% mehr als 1980.

Da dieser Marke aber offiziell nur 900 000 Studienplätze gegenüberstehen, zeigt sich die Verschlechterung der Bildungssituation mehr als deutlich – auch beim Hochschulpersonal und der finanziellen Ausstattung. So steht dem enormen Anstieg der Studentenzahl nur ein Plus von etwa 20% bei den Lehr- und Verwaltungskräften gegenüber; die Zahl der Professoren ist mit 65 000 sogar fast konstant geblieben.

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die Zahl der Hochschüler in Deutschland nicht übermäßig hoch ist. Nur 12,8% der deutschen Berufstätigen haben studiert, in Schweden aber 13,6%, in Norwegen sogar 22,4%. Der renommierte Unternehmensberater Roland Berger sagte deshalb gegenüber dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«: »Die Bedenken, es würden zu viele Akademiker ausgebildet, sind völlig unberechtigt.«

Kritisiert wird allerdings die im internationalen Vergleich sehr lange Studiendauer (14 Semester) der deutschen Hochschüler. Schuld daran ist vor allem die relativ geringe Zahl der Lehrkräfte, die den Studenten lange Wartezeiten für Praktika, Übungen oder auch Laborarbeiten aufzwingt. Die Konferenz der Hochschulrektoren hat errechnet, dass mindestens 30 000 wissenschaftliche Mitarbeiter an den Universitäten fehlen, um die Engpässe zu überwinden.

Die lange Studiendauer lässt sich jedoch auch auf ausgeweitete Lehrpläne zurückführen und auf den Zwang für zwei Drittel aller Hochschüler, nebenher ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen.

Die Bundesregierung hat zwar den Kreis der finanziell geförderten Studenten 1990 erhöht, mit 442 000 erhält aber noch nicht einmal jeder vierte Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Die Ausbildungsförderung des Bundes liegt 1992 im Schnitt mit 568 DM erheblich unter der des Jahres 1990 mit knapp 600 DM.

Die Probleme an der Universität halten allerdings die wenigsten Abiturienten von einem Studium ab. Zwei Drittel von ihnen zieht es an die Hochschule, junge Männer mit 71,6% erheblich stärker als junge Frauen (61,8%). Dabei zeigt sich, dass Frauen im Bildungsbereich nach wie vor nicht gleichberechtigt sind.

Das Hochschul-Informations-Systems (HIS) berichtet, dass die Uni-Absolventinnen länger arbeitslos sind, längere Wartezeiten haben und dieses Warten häufiger mit Gelegenheitsarbeiten überbrücken müssen. Nur 23% der Neu-Akademikerinnen von 1989 bekamen sofort einen Arbeitsplatz – bei den Männer dagegen 39%. Allerdings strebte nach der HIS-Befragung nur knapp die Hälfte der Frauen eine Vollzeitstelle an.

Die Ausgaben für den Bildungsbereich betragen 1992 nur 1,12% des Bruttosozialprodukts – 1975 waren es noch 1,17%. Deutschland liegt damit im unteren Drittel der Industriestaaten.