Skandale verderben Appetit

Ernährung, Essen und Trinken 1993:

In den letzten Jahren wurden die deutschen Verbraucher durch zahlreiche Lebensmittelskandale verunsichert. Rückstände von bei der Mast verwendeten Hormonpräparaten im Kalbfleisch, Nematoden im Fisch, Pestizide in Gemüsen, verunreinigte Nudeln und Salmonellen in Eiprodukten haben bei vielen Bundesbürgern Zweifel an der Qualität der angebotenen Nahrungsmittel aufkommen lassen.

Für neue Verunsicherung sorgen im Herbst 1993 Berichte über schlechte hygienische Zustände an deutschen Schlachthöfen. Nach Recherchen der Magazine »stern« und »Der Spiegel« wird in einigen Betrieben fahrlässig mit dem Frischprodukt Fleisch umgegangen. Zu den aufgeführten Mängeln zählen u. a. fehlende Sauberkeit und falsche bzw. zu lange Lagerung. Auch die Überprüfung von Fleischabteilungen in Supermärkten förderte Erschreckendes zutage. Bei rd. 80% der Stichproben entsprachen die Waren nicht den gesetzlichen Vorschriften.

Bedenken beim Fleischgenuss haben die Deutschen auch wegen der weiterhin ungeklärten Frage, ob die bei britischen Tieren aufgetretene Seuche Rinderwahnsinn auf den Menschen übertragbar ist. Wissenschaftler halten dies zwar für unwahrscheinlich, können es jedoch nicht mit Sicherheit ausschließen. Auch wenn in der Bundesrepublik der Verkauf britischen Fleisches bis auf Weiteres von Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) gegen den Protest der britischen Exporteure untersagt wurde, bleibt bei vielen Verbrauchern die Sorge, es könnte trotzdem in deutsche Läden gelangen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass der Fleischkonsum in Deutschland seit mehreren Jahren stark rückläufig ist. 1993 liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei 62,9 kg. 1986 waren es noch knapp 69 kg. Betroffen von dieser Entwicklung sind Schweine-, Rind- und Kalbfleisch. Lediglich bei Geflügel ist eine Zunahme zu beobachten.

Viel diskutiert wird 1993 das sog. Novel food (engl.: neuartige Nahrung). Darunter verstehen die Ernährungswissenschaftler Lebensmittel, die mit Hilfe der Gentechnologie produziert werden oder aus neuartigen Rohstoffen bestehen. Im Ausland sind derartige Produkte bereits seit Längerem auf dem Markt. In der Bundesrepublik dagegen sind entsprechende Zulassungsanträge noch nicht erfolgt. Da im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft jedoch eine Vereinheitlichung der Bestimmungen angestrebt wird, erwarten Experten, dass Novel food in den nächsten Jahren auf den deutschen Markt kommen wird.

Nach einer 1993 dem Europäischen Parlament vorgelegten, 1994 verabschiedeten Verordnung müssen für die Zulassung bestimmte Kriterien erfüllt werden. So sollen die Produkte, bevor sie auf den Markt kommen, auf ihre Unbedenklichkeit geprüft werden. Ausgenommen sind Nahrungsmittel, die zwar gentechnisch hergestellt, aber in ihrer Zusammensetzung mit herkömmlichen Produkten gleichzusetzen sind. Für verwendete Zusatzstoffe wie Aromen und neuartige Maßnahmen zur Konservierung besteht keine Anmeldungspflicht. Eine von Verbraucherverbänden geforderte Kennzeichnungspflicht von Novel food ist generell nicht vorgesehen.

Die Lieblingsfrucht der Deutschen ist die Banane. Der Verbrauch pro Kopf und Jahr beträgt in der Bundesrepublik rund 80 kg. Dabei werden die aus Lateinamerika stammenden sog. Dollar-Bananen bevorzugt. Am 1. Juli 1993 tritt eine EG-Verordnung in Kraft, die den Import derartiger Bananen mit einem Zoll in Höhe von 20% belegt. Die Folge sind spürbare Preiserhöhungen.

Auf diese Weise will die EG die Bananenproduzenten in Spanien, Griechenland, den Überseebesitzungen Frankreichs und in mit der Gemeinschaft vertraglich verbundenen Ländern stärken. In der Bundesrepublik wird die Zoll-Erhebung mit Protest aufgenommen. Einsprüche der Bundesregierung bleiben jedoch erfolglos.