Design für den Benutzer

Wohnen und Design 1994:

»In den 80er Jahren gab es Design, das freundlich zu den Designern war. In den 90ern werden die Designer freundlich sein zu den Benutzern« – diese Worte des einstigen Enfant terrible der Postmoderne, Philippe Starck, werden bestätigt durch die Trends des Jahres 1994: Behagliches, Bürgerliches und Konventionelles, aber auch exquisit Verarbeitetes und intelligent Erdachtes tritt an die Stelle verrückt-schriller und unnütz-unfunktionaler Spielereien. Allerdings beklagen Kritiker der Entwicklung, dass mit der »neuen Einfachheit« und der »neuen Behaglichkeit« das Mittelmaß triumphiere, dass kaum Raum bleibe für avantgardistische Experimente. Unbestreitbar ist allerdings, dass der Verbraucher langlebige Produkte in klassischem Design wieder mehr schätzt und sie – etwa durch Schonbezüge – auch pflegt. Bei besonders teuren Stücken steht dabei nicht die Erwartung auf einen langen Eigengebrauch, sondern vielfach der Wiederverkaufswert – also die Second-Hand-Fähigkeit – im Vordergrund. Die Tatsache, dass auch im Bereich der Kinder- und Jugendmöbel das Billig-Design passé ist, mag als Beleg für diese Entwicklung gelten.

Designer bestimmen ihre Rolle zunehmend als Dienstleister für den Verbraucher. Mit variablen, ausgetüftelten Schrank- und Regalsystemen, die nicht nur eine Vielfalt von Funktionen erfüllen, sondern auch viele Gesichter haben können, passen sie sich geschmeidig den Bedürfnissen der Verbraucher an. Was den einen als kundenfreundlich erscheint, beklagen andere als Verzicht auf prägnante Form und Gestaltungswillen: Wenn der Geschmack des Durchschnittskäufers regiere, sei das Ergebnis meist geschmacklos. Nicht von allen in der Szene goutiert werden auch schlicht und neutral gestaltete multifunktionale Alleskönner wie höhenverstellbare Tische, die in Küche, Ess- und Arbeitszimmer gleichermaßen genutzt werden können, oder auf einfachen Quadraten aufgebaute Schranksysteme, in denen Socken wie Konservendosen, Suppenteller wie Urlaubsdias untergebracht werden können. Warum muss sich ein Kleider- von einem Küchen- oder einem Wohnzimmerschrank unterscheiden, lautet die provokante Frage.

Als Reaktion auf veränderte Lebensgewohnheiten verstehen Designer ihr Angebot an zerlegbaren und leichten Möbelstücken, die auch mehrere Umzüge schadlos überstehen. Der Nomade des Postkapitalismus soll sich mit zusammenklappbarer Kleinstküche, Faltschrank, zusammensteckbaren Aluregalen und Klappbett einfach überall zu Hause fühlen.

Auch beim Büromöbeldesign wurde eine Anpassung an Veränderungen in der Arbeitswelt vollzogen. Flexible Einzelstücke, die dem Geschmack und dem Bedürfnis des Einzelnen entgegenkommen und der Konformität in den Büros entgegenwirken, bestimmen das Bild. Auf die modernen interaktiven Konferenzformen mit wechselnden Gruppenkonstellationen reagieren die Möbelhersteller mit Auszieh- und Klapptischen, stapelbaren Stühlen und rollbaren Servicewagen in allen Größen. Allerdings scheint der Angestellte, der daheim am Computer schafft und die Daten online an seine Firma überträgt, von den Produzenten noch nicht entdeckt zu sein. Bei Büro-, vor allem aber bei Wohnmöbeln hält der Trend zu naturbelassenen, umweltfreundlichen Materialien an. Konsequent verzichten die Hersteller auf Edelhölzer; Flachs und Naturlatex, Bambus- und Weidengeflecht, ja sogar Roggenstroh und Dinkelspelz finden Verwendung.

Auf die Herausforderung der zunehmenden Globalisierung reagieren nun auch die Top-Designer in Europa. So stiftet Rolf Fehlbaum von Vitra, der 1994 den Lucky Strike Designer Award gewinnt, das Preisgeld in Höhe von 60 000 DM für ein Projekt des Vitra-Museums, das unter dem Titel »World Design« die Kommunikation zwischen Designern der Industrienationen und der Dritten Welt fördern soll.