Es regiert der Rotstift

Bildung 1994:

Kontroversen über Sparmaßnahmen an Schulen und Hochschulen sowie über die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen bestimmen die bildungspolitische Diskussion 1994.

Angesichts leerer Staatskassen ist langfristig mit einer Verschlechterung der Situation an den öffentlichen Schulen zu rechnen. Durch die Anordnung von Mehrarbeit für Lehrer, die Streichung von Unterrichtsstunden aus dem Lehrplan und die Heraufsetzung der Schülerzahlen pro Klasse versuchen die Bundesländer, trotz seit Anfang der 90er Jahre wieder steigender Schülerzahlen die Neueinstellungen von Lehrern gering zu halten. Nach Berechnungen der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung müssten für die Sicherung des Status quo, wonach im statistischen Durchschnitt auf 16,8 Schüler ein Lehrer kommt, bis zum Jahr 2005 in den alten Bundesländern 96 000 Lehrer eingestellt werden; in den neuen Bundesländern, in denen die Geburtenzahlen seit der deutschen Vereinigung drastisch gesunken sind, rechnet man dagegen mit einem rückläufigen Lehrerbedarf. Unterdessen ist durch die restriktive Einstellungspolitik der letzten Jahre bereits eine Überalterung der Kollegien eingetreten: Das Durchschnittsalter der Lehrer ist im Vergleich zu 1980 von 38 auf 48 Jahre gestiegen.

Obwohl die Erstsemester-Studentenzahlen seit 1990 leicht zurückgehen, leiden die deutschen Hochschulen weiterhin an einer extremen Überlastung: 1,87 Mio. Studenten drängeln sich im Wintersemester 94/95 auf 910 000 Studienplätzen. Die Qualität der Lehre ist durch die Nichtbesetzung von Professorenstellen gefährdet; so besteht z. B. in Nordrhein-Westfalen eine einjährige Wiederbesetzungssperre für Professorenstellen, die durch Pensionierung frei geworden sind. Auch an den Universitäten ist das Lehrpersonal überaltert: 70% der deutschen Professoren sind über 50 Jahre alt. Ein ordnungsgemäßes Studium wird für viele Studenten dadurch erschwert, dass sie darauf angewiesen sind, mit Jobs weitgehend selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Im Zusammenhang mit den Sparmaßnahmen der Bundesregierung – der Bundeshaushalt 1994 sieht eine Kürzung der Bildungsausgaben um 3,6% gegenüber 1993 vor -steht der Beschluss, die BAföG-Fördersätze für Studenten und Schüler vorerst nicht zu erhöhen. Die Einschränkungen im Bildungssektor erfolgen in einer Zeit, in der sich die Klagen über eine wurzellose, zur Übernahme von Verantwortung nicht bereite und zunehmend zur Gewalttätigkeit neigende junge Generation häufen. Nach einer Umfrage an hessischen Schulen meinen 22% der Rektoren, dass ihr Institut durch Gewalt unter Schülern belastet sei, 12% sprechen von einer starken Belastung. Nach dem 1994 vorgelegten Jugendbericht der Bundesregierung steht die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen im Zusammenhang mit ihrer beruflichen Situation. So sehen 39% der arbeitslosen Jugendlichen in Gewalt ein Mittel zur Bewältigung von Problemen – bei den berufstätigen sind es nur 26%. Bei den arbeitslosen Jugendlichen akzeptieren 23% Gewalt gegen Ausländer, bei den berufstätigen nur 15%.

Inwieweit Gewaltdarstellungen in den Medien die Aggressivität unter Jugendlichen fördern, ist unter Experten noch immer umstritten. Als übertrieben haben sich dagegen Befürchtungen erwiesen, dass junge Menschen angesichts der Attraktivität anderer Medien nicht mehr zum Buch greifen. Zwar verfügen 34% der Neun- bis Zehnjährigen über ein eigenes Fernsehgerät, 30% über einen Computer und 62,5% über einen Walkman, dennoch gehören 40% der Stadt- und 44% der Landkinder dieser Jahrgänge zu den »Viellesern«. Auch das Schreckgespenst vom Verfall der Familie erweist sich als übertrieben: 81% der westdeutschen und 65% der ostdeutschen Kinder leben während ihrer Kindheit und Jugend in einer Normalfamilie, also in einer Gemeinschaft mit ihrem leiblichen Vater und ihrer leiblichen Mutter.