Europa rückt zusammen

Verkehr 1994:

Das Auto bleibt auch 1994 das wichtigste Transportmittel. 82% der insgesamt rd. 885 Mrd. Personenkilometer werden damit zurückgelegt. Trotz der Mahnungen von Umweltschützern, zur Abwendung einer Klimakatastrophe auf Bus oder Bahn umzusteigen, entfallen 1994 nur etwa 15% der Verkehrsleistung in Deutschland auf öffentliche Verkehrsmittel. Im Güterverkehr werden fast zwei Drittel der 360 Mrd. Tonnenkilometer auf der Straße zurückgelegt, 17% auf der Schiene.

Eine 1994 vorgelegte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass von den 1114 Wegen, die jeder Deutsche pro Jahr durchschnittlich zurücklegt, 51% mit dem Auto absolviert werden. Kein Wunder, dass es auf den Straßen immer enger wird: 1994 sind 39,6 Mio. Fahrzeuge unterwegs, im Jahr 2000 werden es – so eine Prognose des Mineralölkonzerns Esso – 44 Mio. und 2010 bereits 46 Mio. sein.

Allerdings stößt die Dominanz des Autos zunehmend auf Widerstand. Am 20. Februar stimmen die Schweizer für die sog. Alpeninitiative, die bis zum Jahr 2004 eine Verlagerung des die Schweiz durchquerenden Gütertransitverkehrs von der Straße auf die Schiene verlangt. Österreich setzt bei den Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union (EU) eine Reduzierung der durch den Lkw-Transit verursachten Umweltbelastung durch.

Lübeck ist die erste deutsche Großstadt, die ihre Durchgangsstraßen durch die City Ende August -zunächst nur auf sechs Monate zur Probe – nicht nur am Wochenende, sondern vollständig für den fließenden Autoverkehr schließt. Vor der Sperrung wurden pro Werktag rd. 130 000 Fahrten von Pkws und Lkws durch die Innenstadt gezählt. Die Folgen sind gesundheitsschädliche Konzentrationen von Schwermetallen, giftigem Kohlenmonoxid und Ruß.

In Großstädten wie München, Hannover und Stuttgart sind elektronisch gesteuerte Verkehrsleitsysteme im Gespräch. Sie sollen für einen reibungslosen Verkehrsfluss sorgen, locken dadurch zugleich aber mehr Autos an.

Am 1. Januar nimmt nach der Fusion von Deutscher Bundesbahn und Reichsbahn die Deutsche Bahn AG ihre Arbeit auf. Investitionen von bis zu 80 Mrd. DM sollen bis zur Jahrtausendwende die Züge pünktlicher, die Abfertigung schneller und das Tarifgefüge fahrgastfreundlicher machen. Konkurrenz droht dem neuen Unternehmen jedoch durch den Transrapid, für den zwischen Berlin und Hamburg eine reguläre Strecke gebaut werden soll.

Mit noch mehr Sondertarifen will die Bahn Kunden auf die Schiene holen: Im Rahmen eines »Guten-Abend-Tickets« kann ab dem 14. Februar jeder Bahnreisende von 19 bis 2 Uhr ohne Kilometerbegrenzung zu einem Einheitspreis von 49 DM fahren; der Preis wird später um 10 DM heraufgesetzt.

Mit rd. 182 Mrd DM fördert die Europäische Union 14 europäische Verkehrsprojekte. Auf deutschem Boden gehören dazu u. a. eine Bahnverbindung vom Ruhrgebiet nach Rotterdam und eine Nord-Süd-Schienenachse von Berlin nach Norditalien.

Am 14. November beginnt mit der Abfahrt des ersten fahrplanmäßigen Eurostars vom Pariser Bahnhof Gare du Nord der Eisenbahnverkehr durch den Kanaltunnel zwischen Frankreich und Großbritannien. Am 16. Oktober wird nach vierjähriger Bauzeit der 7,7 km lange Tunnel unter dem Großen Belt zwischen der dänischen Hauptinsel Seeland und der Insel Sprogö vollendet. Von dort aus führt eine Straßen- und Eisenbahnbrücke zur Insel Fünen.

Auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen wird am 24. Oktober der Terminal 2 eröffnet. Die um ein Viertel höhere Abfertigungskapazität ist jedoch nach Ansicht von Kritikern am Bedarf vorbeigeplant. Der voluminöse Bau kostete nach zehn Jahren Planung und Errichtung rd. 2,5 Mrd. DM.