Luxusküche nicht gefragt

Ernährung, Essen und Trinken 1994:

Das Essen soll nicht nur schmecken, es soll vor allem gesund sein und/oder den Geldbeutel nicht zu sehr belasten – diese Trends lassen sich 1994 im Ernährungsverhalten beobachten. Hinzu kommen kurzfristige Entwicklungen und Moden: So steigt in Deutschland der Mineralwasserkonsum dank des Jahrhundertsommers kräftig an, und die thailändische und mexikanische, vor allem aber die kreolische Küche gelten 1994 als besonders schick. Insgesamt leiden vor allem teure Restaurants darunter, dass die Verbraucher sich wieder einfacheren Genüssen zuwenden. Während der Gastronomieumsatz in Deutschland 1994 insgesamt um 0,7% schrumpft, boomen die Schnellrestaurants, Pizzaketten und -bringservices. So verzeichnet McDonald’s Deutschland, die unangefochtene Nummer eins unter den Gastronomie-Riesen, ein Plus von 14% im Vergleich zu 1993.

Auch beim Einkauf zeigen sich die Verbraucher preisbewusst. Die Folge: Die Preissteigerungsrate bei Lebensmitteln ist 1994 mit 1,5% nur halb so hoch wie die allgemeine Inflationsrate (3,0%). Sekt statt Champagner, Hering statt Lachs lautet die Devise. Die Wiederkehr der Ostprodukte in den ostdeutschen Läden – ihr Anteil liegt Schätzungen des Bundesernährungsministeriums zufolge inzwischen wieder bei knapp 50% (1990/91: 10%) – lässt sich mit der Rückbesinnung auf Traditionen allein nicht erklären: Auch der Preis spielt hier eine Rolle.

Das Thema Gesundheit wird im Ernährungsbewusstsein der Deutschen weiterhin großgeschrieben, doch Anspruch und tatsächliches Verhalten klaffen bei vielen auseinander. So meinen einer Allensbach-Umfrage zufolge 65% der West- und 70% der Ostdeutschen, man sollte mehr Biokost zu sich nehmen, tatsächlich aber geben nur 28% der West- und 22% der Ostdeutschen an, dass sie immer oder häufig Bioprodukte essen. Der Fleischverzehr geht in der Bundesrepublik generell zurück – auch eine Folge der Pressemeldungen über Salmonellen, Rinderwahnsinn und Schweinepest. So ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch seit 1990 von 66,3 auf 59,8 kg gesunken. Zudem ist eine deutliche Verschiebung zugunsten solcher Sorten zu beobachten, die als gesünder gelten: Seit 1990 ist der Konsum von Schweinefleisch um 8,2%, von Rind- und Kalbfleisch um 23,0% und von Innereien um 26,7% zurückgegangen, während in der gleichen Zeitspanne der Verzehr von Geflügel um 8,6%, der von Schaf- und Ziegenfleisch sogar um 16,7% zugenommen hat.

Begründete Sorge bereitet den Verbrauchern auch das kaum überschaubare Angebot an künstlichen Aromastoffen. Nach einer Studie des Europarats sind von den 2176 bekannten synthetisch erzeugten Geschmacksstoffen nur 371 als unbedenklich, 180 dagegen sogar als krebserregend bzw. erbgutschädigend einzustufen. Das deutsche Lebensmittelrecht schreibt ein Zulassungsverfahren für industriell gefertigte Aromastoffe, die in immer neuen Varianten auf den Markt gebracht werden, nicht vor. Dass der Anteil der alkoholischen Getränke am Gesamt-Getränkekonsum in Deutschland 1994 mit 25% einen Prozentpunkt niedriger liegt als 1990, deutet allerdings nicht unbedingt auf ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein hin. Ausschlaggebend ist in diesem Fall das Wetter: Zwischen Ende Juni und Mitte August, als die Deutschen unter extremer Hitze stöhnen, steigt der Absatz an Mineralwasser um 50% im Vergleich zum Vorjahr. Nimmt man das Gesamtjahr, so liegt die Steigerungsrate bei diesem Getränk immer noch bei 14%.

Trotz des trockenen und heißen Sommers wird der 94er wegen der unmittelbar nach Beginn der Weinlese einsetzenden starken Regenfälle zwar kein Jahrhundertwein, aber doch ein guter Jahrgang. Erstmals überflügeln die Italiener die Franzosen bei der Weinproduktion: Sie stellen 60,0 Mio. Hektoliter des Rebensaftes her, ihre Nachbarn nur 55,5 Hektoliter.