Nichts ist unmöglich

Architektur 1994:

Mehr noch als in den Jahren zuvor wird 1994 deutlich, dass es keine dominierenden Ausrichtungen in der Baukunst mehr gibt. Von der Postmoderne bis zum Dekonstruktivismus, vom High-Tech bis zur Wiederentdeckung traditioneller Techniken ist erlaubt, was gefällt. Allen Tendenzen ist freilich eines gemein: Die perfekte Beherrschung künstlerischer und technischer Mittel.

Herausragendes Beispiel für die Popularisierung eines bis dahin nur in Fachkreisen bekannten Trends ist der Block mit Sozialwohnungen, den die irakisch-englische Architektin Zaha Hadid 1994 in Berlin-Kreuzberg fertigstellt. Der Künstlerin, die bislang – mit Ausnahme des Feuerwehrhauses in Weil am Rhein – vorwiegend durch schwer realisierbare, »dekonstruktivistische« Entwürfe hervorgetreten ist, gelingt hier ein einfühlsamer Bau von seltener Qualität. Der bereits im Rahmen der Internationalen Bauaustellung (1984 – 1987) geplante Komplex von Sozialwohnungen fügt sich harmonisch, aber auch selbstbewusst in die problematische Struktur des einst an der Berliner Mauer gelegenen Grundstückes ein. Städtebaulich besonders wirksam ist der keilförmige, blechverkleidete Eckbau, der mit farbigen, schräg angelegten Treppenhäusern und Trennwänden kontrastiert.

Auch die deutschen Architekten Julia Bolles, Peter Wilson und Eberhard Kleffner gehen bei ihrer Stadtbibliothek in Münster von der gegebenen urbanen Situation aus und gestalten den Bau nach modernsten, kollektiv erarbeiteten Gesichtspunkten. Das Ergebnis ist in diesem Fall ein eher an der klassischen Moderne orientierter, abwechslungsreicher Komplex, der dennoch im Zentrum der historischen Stadt nicht störend wirkt. So korrespondieren die beiden durch einen Übergang verbundenen Bauteile perfekt mit der Stadtsilhouette von Münster.

Einen ganz anderen Umgang mit historischer Architektur pflegt der Spanier Santiago Calatrava in seinem 1994 fertiggestellten Geschäftszentrum BCE Place in Toronto. Einerseits werden ältere Bauten wie das neoklassische Clarkson Gordon Building unmittelbar in den 106 m langen Innenraum integriert, andererseits erinnert das Konstruktions- und Überdachungssystem aus parabelförmigen Bögen an die Gewölbeformen, die der katalanische Architekt Antoni Gaudí um die Jahrhundertwende – allerdings vorwiegend für Sakralräume – entwickelte.

Als bestimmendes architektonisches Element tritt die Dachkonstruktion auch in der Waterloo Station in London, dem End- oder Ausgangspunkt des Tunnels unter dem Ärmelkanal, hervor. Bei dem in einer leichten S-Kurve angelegten Bahnhof überspannt ein flaches, asymmetrisches und durch verschiedene Glas- und Metallelemente akzentuiertes Gewölbe die etwa 400 m langen Bahnsteige. Licht, Leichtigkeit und kühle Eleganz bestimmen die Atmosphäre in diesem Werk des britischen Architekten Nicholas Grimshaw.

Hightech und Eleganz zeichnen auch zwei weitere Bauten aus, die 1994 fertiggestellt werden: Sir Norman Foster vollendet den am Stadtrand von Valencia gelegenen Kongresspalast; sein Grundriss symbolisiere – so der Architekt – durch seine fischförmige Anlage die Verbindung der Stadt zum Meer. Der spektakulärste Bau des Jahres entsteht jedoch in Frankreich: Jean Nouvels Kongresszentrum in Tours an der Loire. Der schnabelförmige Bau, eine Art Glaskasten, der in seinem Inneren weitere Raumschachteln birgt und von einem weit ausladenden Dach geschlossen wird, ist fast vollständig transparent; er besticht durch die Brillanz des Materials, die sorgfältige Abstimmung der Farben und – vor allem in der Dunkelheit – durch die perfekte Inszenierung der Beleuchtung. Nach früheren, oft sehr gewagten Experimenten mit futuristischen Elementen gelingt dem Franzosen hier ein fantasievoller, ausgewogener, für die Architektur der späten 90er Jahre richtungweisender Bau.