Baukunst und Baukult

Baukunst und Baukult
Blick auf Gebäudeteile der Cité de la musique. By The original uploader was Portzamparc Francais at French Wikipedia [CC BY-SA 2.0 fr], via Wikimedia Commons

Architektur 1995:

Architektur gerät in die Schlagzeilen: 1995 wird mehr denn je über Bauen und Bauten geschrieben, in aller Öffentlichkeit wird über das Für und Wider großangelegter Planungen oder Projekte diskutiert. Zwei Ereignisse stehen im Zentrum des Interesses: Die Einweihung von Dominique Perraults Bibliothèque de France in Paris und die Verhüllung des Reichstags in Berlin durch die bulgarisch-amerikanischen Künstler Christo und Jeanne-Claude. Obwohl das 14-tägige Spektakel in der deutschen Hauptstadt eher ein plastischer als ein architektonischer Prozess ist, schärft es den Blick auf den Reichstag als bauliches Monument im Herzen der alten und der neu zu erbauenden Metropole. Die Verfremdung des Bauwerks und die dadurch ausgelöste Feststimmung ermöglichen einen ungewohnt freien Umgang mit dem umstrittenen Symbol deutscher Geschichte. Unmittelbar nach Ende der Aktion beginnt Sir Norman Foster mit der Umgestaltung des historistischen Baus.

Paris feiert die Fertigstellung zweier Projekte, die den Abschluss der Ära Mitterrand markieren: Nach dem Umbau des Louvre, dem Bau der Grande Arche, der Oper und zahlreicher Kulturinstitutionen werden im Frühjahr 1995 die Bibliothèque Nationale de France und die Cité de la Musique im Stadtteil La Villette eingeweiht. Für die Nationalbibliothek entwarf Dominique Perrault einen ebenso einfachen wie überzeugenden Komplex: Niedrige Flügelbauten bilden die vier Seiten eines weiten Querrechtecks, die Ecken betonen vier 80 m hohe winkelförmige Bibliothekstürme. Den Aufriss der Gebäude bestimmen Beton, Holz und Glas; besonders die Verglasung der Türme und die damit verbundene Wärmeisolierung erfordern höchstes technisches Können. Für den Eindruck der Monumentalität und die städtebauliche Wirkung entscheidend ist jedoch das hohe Podium, auf dem der gesamte Bau lagert. Die Lesesäle sind auf ein aus der Normandie herbeigeholtes Wäldchen im Zentrum der Terrasse ausgerichtet; so wird die Ausstrahlung eines heiligen Hains noch verstärkt. Mitterrand selbst will den Bau als Kloster oder Mausoleum verstanden wissen und betrachtet ihn als Höhepunkt seiner Grands Projets de l’État. Die Funktionalität der Anlage soll sich allerdings erst 1997 erweisen, wenn der Umzug aller Bücher abgeschlossen sein wird. Die Cité de la Musique gibt sich weit weniger traditionell. Dem Charakter des Viertels entsprechend – im Parc de la Villette sind 1988 die ersten dekonstruktivistischen Bauten entstanden – brechen die Gebäude von Christian de Portzamparc mit überkommenen Sehgewohnheiten; ungewohnte Formen und Farben, überraschende Ein- und Ausblicke lassen den Gang durch die Pariser Musikstadt zu einem ästhetischen Abenteuer werden.

Auch Barcelona erhält ein weiteres kulturelles Aushängeschild: Richard Meiers Museum für zeitgenössische Kunst wird im frisch sanierten Altstadtviertel Raval fertiggestellt; das letzte Wort über die dort auszustellenden Sammlungen ist allerdings noch nicht gefallen. So wird der in den für Meier charakteristischen streng geometrischen, weißen Formen errichtete Bau selbst zum Exponat.

Auch Frank Gehry, ebenso wie Meier seit den 80er Jahren zum Star der Architekturszene avanciert, macht einmal mehr mit einem für ihn typischen Bau Schlagzeilen: Das Energie-Forum-Innovation in Bad Oeynhausen ist kein geschlossener Komplex, eher eine Architekturlandschaft, »zusammengestückelt« aus den unterschiedlichsten plastischen Elementen. Die Forderung nach energiesparender Bauweise verlangte Gehry innovative Techniken und Fertigungspraktiken ab.

Glas und Wasser als Gestaltungselemente beherrschen die Fabrikhalle des Bonbon-Herstellers Ricola in Mulhouse/Frankreich. Die Schweizer Herzog und De Meuron haben für den Bau neue Formen der Fassadendekoration entwickelt.