Drei-Liter-Auto in Sicht

Auto und Verkehr 1995:

Nicht nur die neuesten Modelle und ihre Marktchancen bestimmen 1995 das Thema Auto, sondern einmal mehr auch die Auswirkungen des Individualverkehrs auf die Umwelt. So setzt sich die in Berlin stattfindende Welt-Klimakonferenz die Verminderung des CO2-Ausstoßes zum Ziel. Dazu soll u. a. eine Verbrauchsminderung beim Auto beitragen. Die prognostizierten Zuwachsraten des weltweiten Automobilbestandes lassen allerdings befürchten, dass technisch realisierbare Reduzierungen des Treibstoffverbrauchs in der Praxis wieder aufgezehrt werden.

Ein Leitthema der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt ist das Drei-Liter-Auto, das mit einzelnen Prototypen vorgestellt wird. Diese Tatsache kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Durchschnittsverbrauch der in Deutschland hergestellten Fahrzeuge erheblich höher liegt. Durch die Anwendung unterschiedlicher Messverfahren werden Werte von 7,5 l (Automobilindustrie) bis 9,5 l (Mineralölindustrie) errechnet. Zukünftige einheitliche Messbedingungen lassen erwarten, dass ein den neuen Konditionen entsprechendes Drei-Liter-Auto noch schwerer zu realisieren sein wird.

Zweites Hindernis bei der Verwirklichung sparsamer Pkw sind die Ansprüche der Käufer an Ausstattung und Geschwindigkeit. Verbrauchsgünstige Modelle wie der Citroën AX Diesel (Verbrauch 4,2 l) werden als »Arme-Leute-Auto« eingestuft oder wie der Ecomatic-Golf von VW (4,9 l) als zu teuer verworfen. Nach nur 3000 im Jahr 1994 verkauften Einheiten stellt VW die Fertigung ein.

Auf der Frankfurter IAA konkurriert in diesem Jahr die Ausstellungsarchitektur kräftig mit den zur Schau gestellten Fahrzeugen. Fiat kann mit dem größten Neuheitenaufgebot glänzen. Mit dem Punto stellt das Unternehmen das Auto des Jahres her. Der Barchetta auf Punto-Basis bietet preiswerten Cabrio-Fahrspaß. Als Tipo-Nachfolger und Golf-Konkurrent präsentieren sich Brava und Bravo. Mit dem Kappa stellt Fiat-Tochter Lancia das Spitzenmodell vor. Die Superklasse innerhalb der Gruppe wird vom Ferrari Typ 355 gestellt. Neuauflagen zeigen Opel mit dem Vectra, Ford mit dem Fiesta und BMW mit der neuen 5er-Reihe. Mercedes bereichert die obere Mittelklasse durch die neu gestaltete E-Reihe. VW stellt dem Polo eine Stufenheck-Version zur Seite. Renault ersetzt den Exportschlager R 19 durch den gelungenen Mégane. Die baugleichen VW Sharan und Ford Galaxy treten als erste deutsche Großraum-Limousinen in den internationalen Wettbewerb ein. Beide entstehen im gemeinsam betriebenen Werk in Portugal.

Mitsubishi stellt mit dem Carisma erstmals ein in Europa hergestelltes Modell vor. Es ist technisch identisch mit dem neuen Volvo S 4 und entsteht auf dem gleichen Band im niederländischen Werk. Die britische Traditionsmarke MG meldet sich mit einem Serienmodell, dem Typ F, zurück, sehr unkonventionell mit einem Mittelmotor ausgerüstet. Bentley bereichert die Oberklasse mit der Cabriolet-Version Azure, die mit einer Leistung von 389 PS und einem Preis von 530 000 DM beeindruckt. Chrysler bietet mit dem Cabriolet Stratus (in den USA Dodge Cirrus) eine ansehnliche Ergänzung im Mittelklasse-Cabriolet-Angebot. In der technischen Ausstattung fällt auf, dass nach Jaguar und Buick nun auch Mercedes wieder ein Kompressor-Modell (C 230 K) lanciert. In der Preisgestaltung vereinheitlichen Volvo und Ford die Preise für unterschiedliche Karosserieversionen. Volvo stellt seine Kompetenz in Sachen Sicherheit erneut unter Beweis und liefert erstmals einen sog. Seiten-Airbag. Die als Sports Utility Vehicle vorgestellten Fahrzeuge fallen zahlenmäßig noch nicht auf. Verschiedene Hersteller wollen mit dieser neuen Fahrzeuggattung vor allem den US-Markt erobern. Hier hält der Pick-up noch unangefochten seine Vormachtstellung, und das Kräftemessen mit den neuen Wettbewerbern bleibt abzuwarten.