Grundlegende Schulreform bislang nur auf dem Papier

Bildung 1995:

»Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft« lautet der Titel eines im Herbst 1995 vorgelegten Gutachtens, das eine Kommission aus Erziehungswissenschaftlern und Wirtschaftsmanagern im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung ausgearbeitet hat. In dem Bericht werden die Einführung der allgemeinen Ganztagsschule sowie eine grundsätzliche Umstrukturierung der Schule gefordert: Die Grundschulzeit soll demnach generell auf sechs Jahre ausgedehnt und stärker auf erzieherische und soziale Aspekte konzentriert werden. In den ersten sechs Schuljahren seien Notenzeugnisse grundsätzlich durch Berichte zu ersetzen. Im Anschluss an die sechs Grundschuljahre sieht die Kommission einen zweigleisigen Bildungsgang vor, einen beruflich orientierten Zweig, dessen Absolventen mit etwa 16 Jahren die Schule verlassen, und einen am heutigen Gymnasium orientierten Zweig, der zur fachgebundenen oder zur allgemeinen Hochschulreife hinführt.

Zentrales Anliegen der Reformer ist außerdem eine Art Teilautonomie für die einzelnen Schulen. Sie sollen innerhalb einer staatlichen Rahmenvorgabe ihre Lehrpläne weitgehend selbst gestalten und eigenständig über die Verwendung ihres Budgets entscheiden. Außerdem könnten die Schulen in Eigenregie Lehrer einstellen und auch deren – leistungsgerechte – Bezahlung festlegen. Die Kommission kommt zu dem Urteil, dass ihr Konzept nur dann verwirklicht werden könne, wenn die staatlichen Investitionen in die Schulbildung spürbar erhöht würden.

In der schulischen Realität der Bundesrepublik zeichnen sich dagegen vorerst lediglich »Reförmchen« ab. So beschließt der Hamburger Senat zum Beginn des neues Schuljahres, bis zum Jahr 2000 flächendeckend die sog. volle Halbtagsgrundschule einzuführen. Dies bedeutet, dass künftig alle Schüler der Klassen eins bis vier von Montag bis Freitag in der Zeit von 8 bis 13 Uhr zuverlässig in der Schule betreut werden.

Ziel der Reform ist es einerseits, die Eltern zu entlasten, vor allem aber, den Kindern bessere Lernchancen auch im sozialen Bereich oder in puncto Bewegung zu verschaffen. Die zusätzliche Zeit wird teils für weiteren Unterricht – u. a. eine Stunde mehr Deutschunterricht, Englischunterricht in der dritten und vierten Klasse, Förderstunden -, teils für Übungsphasen und Freie Gestaltung, d. h. Spiele, musikalische und künstlerische Erziehung, genutzt.

Kritik entzündet sich vor allem an der Umsetzung des Modells, das innerhalb des Schuletats »kostenneutral« bleiben soll. So wird der zusätzliche Personalbedarf vor allem dadurch gedeckt, dass etwa 500 Lehrer aus anderen Schulformen »umgeschichtet« werden. Widerspruch gibt es jedoch auch von Eltern, die befürchten, zu viele Erziehungsaufgaben an die Schule abtreten zu müssen. Sie plädieren dafür, die volle Halbtagsgrundschule lediglich auf freiwilliger Basis anzubieten.

Über bundeseinheitliche Standards für das Abitur einigen sich die Kultusminister der Bundesländer nach langwierigen Verhandlungen Anfang Dezember. Im Streit um die Frage, ob der Abschluss des Gymnasiums nach zwölf oder 13 Jahren erreicht werden kann, wird ein Kompromiss erzielt: Zwar bleibt die Regelzeit bei 13 Jahren, doch kann das Abitur beim Erreichen einer Mindeststundenzahl auch schon ein Jahr früher abgelegt werden. Als verbindlicher Fächerkanon für die Abschlussprüfung gelten künftig Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache. Gleichzeitig sollen neue Lernformen wie fächerübergreifender Unterricht und Projektlernen stärker in die Schulen Einzug halten. Noch weit mehr Zeit als die Einigung in der Frage der Abiturstandards hat der Entscheidungsprozess über die Rechtschreibreform im deutschsprachigen Raum in Anspruch genommen, die schließlich am 1. Dezember von den Kultusministern der 16 Bundesländer endgültig verabschiedet wird und zum 1. August 1998 in Kraft treten soll. Sie umfasst vor allem Vereinfachungen bei den Rechtschreib- und Zeichensetzungsregeln. Weitergehende Vorschläge zur Eindeutschung von Fremdwörtern – aus Restaurant wäre Restorant, aus Cowboy Kauboi geworden – werden dagegen nicht angenommen. Im Bereich der Hochschulbildung überrascht Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) im Sommer 1995 mit dem Vorschlag, die Empfänger der Ausbildungsförderung BAföG künftig für die Darlehen, die nach Abschluss des Studiums zurückgezahlt werden müssen, mit Zinsen in Höhe von 8% zu belasten. Die so gewonnenen Gelder in Milliardenhöhe sollten nach den Vorstellungen des Ministers für den Hochschulbau und die Forschungsförderung eingesetzt werden. Die Pläne – so heißt es – stünden im Zusammenhang mit der »Überlastung der Hochschulen«.