Mitterands Nachfolger Chirac bringt die Welt mit Atomtests auf

Mitterands Nachfolger Chirac bringt die Welt mit Atomtests auf
NASA-Aufnahme von Mururoa. Am 7. September 1995 führte eine weitere Atomtestserie Frankreichs zu schweren Unruhen auf Tahiti. By NASA [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1995:

Frankreich ist dasjenige europäische Land, das 1995 am häufigsten in die Schlagzeilen der internationalen Presse gerät. Am 7. Mai wird der Neogaullist Jacques Chirac zum Nachfolger des nach 14 Jahren aus dem Amt scheidenden sozialistischen Staatspräsidenten François Mitterrand gewählt. Der schon todkranke Mitterrand, der schließlich im Januar 1996 seinem Krebsleiden erliegt, hat seinen letzten großen internationalen Auftritt auf der Gedenkveranstaltung aus Anlass des 50. Jahrestags des Kriegsendes am 8. Mai in Berlin. »Verbinden wir die Vergangenheit mit der Zukunft, dann können wir ruhigen Gewissens den Stab denen übergeben, die uns nachfolgen werden«, ruft der scheidende Staatschef seinen politischen Weggefährten zu. – Auch in London, Paris und Moskau finden Feiern zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren statt.

Mitterrands Nachfolger Chirac, der im Präsidentschaftswahlkampf mit einem sozial orientierten Programm hervorgetreten ist, verliert im Verlauf des Jahres rasch an Sympathien insbesondere unter den abhängig Beschäftigten. Auf den von seinem Regierungschef Alain Juppé eingeleiteten Sozialabbau reagieren die Gewerkschaften mit Aufrufen zum Massenstreik, die weitgehend befolgt werden. Zum Jahresende legt ein Arbeitskampf das öffentliche Leben über mehrere Wochen lahm. Chiracs Ankündigung, Frankreich werde nach vierjähriger Pause die unterirdischen Atomtests im Südpazifik wieder aufnehmen, ruft massive internationale Proteste hervor: Die Umweltschutzorganisation »Greenpeace«, aber auch die Anrainerstaaten Neuseeland und Australien laufen Sturm gegen die Versuchsserie, können aber nicht verhindern, dass am 5. September unter dem Mururoa-Atoll ein atomarer Sprengsatz gezündet wird; weitere fünf Tests folgen bis zum Jahresbeginn 1996.

Was Umweltschützern bei den Atomtests nicht gelingt – einen übermächtigen Gegner zur Aufgabe seiner Pläne zu zwingen –, glückt im Fall der »Brent Spar«: Angesichts heftiger Kritik und nicht unerheblicher finanzieller Einbußen erklärt die britische Mutter des Mineralölkonzerns Royal Dutch / Shell am 20. Juni ihren Verzicht auf die geplante Versenkung der ausgedienten Ölverladestation in der Nordsee.