Holzkästen und Glaspaläste

Holzkästen und Glaspaläste
Das Museum für zeitgenössische Kunst in Niterói, By Marcusrg from Nova Friburgo, Rio de Janeiro, Brasil (Flickr) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1996:

Architektur des Jahres 1996. Nach dem schrillen Auftritt des Dekonstruktivismus gewinnt die leise, aber wirkungsvolle Geste, die gediegene – freilich hochtechnologisierte – Verarbeitung edler Materialien zunehmend an Bedeutung.

Exquisite Holzbauten sorgen international für Furore und veranlassen die Fachpresse zu Lobeshymnen auf den traditionellen Naturbaustoff. Gerade rechtzeitig kommt die Eröffnung des Holzmuseums im japanischen Mikatagun (Hyogo), für das Tadao Ando einen holzverkleideten Kegelstumpf entworfen hat. Den Ausstellungstrakt durchquert eine lange Betonrampe. Sie führt zu einem Aussichtspunkt, der den Blick auf den eigentlichen Schatz der Region frei gibt, den Wald.

Auch Deutschland folgt dem Trend: In Hergatz am Bodensee hat sich die Firma »Holz Altenried« einen Verkaufs- und Ausstellungsbau errichten lassen, der ungemein ästhetisch wirkt und zugleich perfekt auf Inhalt und Funktion des Komplexes verweist. Die von Baumschlager und Eberle realisierte Halle weckt mit ihrer kompakten, leicht geschwungenen Form und den schlitzartigen Fenstern Assoziationen an einen Schiffsbug oder eine Arche. Die Außenwände sind mit Latten aus einheimischem Lärchenholz verkleidet, innen dominiert die Fichte. Die perfekte Verarbeitung des Holzes trägt nicht unwesentlich zum Reiz des Baus bei.

Perfektion und Poesie suchen auch die Architekten des Hightech. Kurioserweise wählen sie gleichfalls bugartige, sanft geschwungene Formen. Das internationale Forum, das Rafael Viñoly im Herzen Tokios vollendet, setzt für den asiatischen Raum neue Maßstäbe. Sein Kernstück, ein gewaltiger linsenförmiger Glasbau, ist die zeitgemäße Variante der Kristallpaläste des 19. Jahrhunderts. Die atemberaubende Weite, Transparenz und Feingliederigkeit lassen kaum erahnen, dass aufwendige – flexible -Tragekonstruktionen verwendet wurden; Tokio liegt in einem Erdbebengebiet. Die urbanistische Integration des Forums stellt für die Metropole eine Besonderheit dar: Zwischen der gekurvten Rückseite des Glasbaus und den separaten Konferenztrakten öffnet sich ein baumbestandener Binnenplatz. Er schafft ein für Tokio rares urbanes Ensemble.

Als Glaspalast präsentiert sich ebenfalls die neue Leipziger Messe, die das Hamburger Architektenduo Gerkan & Marg fertigstellt. Hier erschließt ein gigantisches gläsernes Tonnengewölbe das Gelände, das Kongresshalle, Mehrzweckbau und Ausstellungspavillons umfasst. Das selbsttragende Gerüst aus rechteckigen Stahlelementen und dreiecksverstärkten Überfangbögen überspannt 250 x 80 x 30 m, die 3,10 x 1,50 m großen Scheiben sind in Rahmen aus Silikonkautschuk eingefügt und an froschfingerartigen Trägern festgeklebt.

Mit großer Publicity wird in Berlin die Eröffnung der Galeries Lafayette gefeiert, eines Ablegers des berühmten Pariser Kaufhauses. Hauptattraktion des Baus an der Friedrichstraße sind die spiegelnden Glaskegel, die den Innenraum nach oben und unten durchbohren.

Schlagzeilen liefert ferner die Fertigstellung einiger Bauten, deren Schöpfer seit Langem in der Architekturszene glänzen: Es ist dies vor allem das Museum in Niterói (Rio de Janeiro), das der knapp 90-jährige Oscar Niemeyer in seinen bekannten organischen Formen vollendet. Hamburgs neue Kunsthalle (Oswald Mathias Ungers) ist einmal mehr ein schmuckloser Kubus mit gleichwohl hervorragenden Nutzungsmöglichkeiten. Frank O. Gehrys Zwillingshaus »Ginger & Fred« stößt wegen seiner figurativen Elemente in Prag auf Ablehnung und wird zum »am meisten bewunderten und am meisten gehassten Bau« in der Tschechischen Republik.