Schnörkellos behaglich

Wohnen und Design 1996:

Die Kölner Möbelmesse gibt auch 1996 die Stichworte für die neuen Wohnideen vor: Klare Konturen, Mehrfachnutzung, Langlebigkeit, Mobilität und raumsparende Abmessungen.

Wohnräume und Küchen werden offener gestaltet, geschlossene Elemente gelten als out, selbst bei der konsequenten Avantgarde ist eine Rückbesinnung auf den Bauhaus-Stil der 20er Jahre festzustellen. Gerundete Elemente sind auf dem Rückzug, Quadrat und Kubus sind auf der Kölner Möbelmesse die führenden Formen. Helle Hölzer wie Buche und Ahorn dominieren, Birke, Fichte, Erle und Kiefer folgen.

Unverzichtbar für belebende Materialmischungen bleibt Aluminium, das sich hellen Holz- und Farbtönen anpasst. Bei Schrankelementen lassen bei vielen Novitäten Milchglasfenster den Inhalt allenfalls erahnen.

Den Anspruch an Mobilität erfüllen z. B. Modulelemente, die sich problemlos an neue Gegebenheiten anpassen lassen. Langlebigkeit zeigt sich u. a. in den sog. Houssen, den Wechselbezügen bei Polstermöbeln; immer mehr Hersteller setzen auf besonders umweltfreundlich hergestellte Produkte.

Zu den am meisten beachteten Neuheiten in Köln zählen das mitwachsende Schubladensystem »Lader« und der Schrank »AKS« des deutschen Designers Axel Kufus für die Firma Moormann (Aschau). Gefertigt aus Birkensperrholz mit transparenter Filmbeschichtung, lässt sich der Schubladenschrank »Lader« einzeln aufstocken. Er ist dank neu entwickelter Scharnier- und Steckverbindungen individuell kombinierbar und leicht umzubauen. Auch das AKS-Schranksystem lässt sich problemlos erweitern.

Der Preis des intelligenten Möbels entspricht allerdings nicht der eher spartanischen Ausstattung: Für einen Einzelschrank sind 1500 bis 2000 DM zu veranschlagen, eine »Lader«-Schublade kostet ab 160 DM – für viele Verbraucher zu viel Geld angesichts der teilweise recht ähnlichen Angebote von preiswerten Möbelgroßhändlern.

Designer Kufus, seines Zeichens Hochschullehrer in Weimar, zählt auch zu den Ausstellern auf der 46. Internationalen Design Conference in Aspen (US-Bundesstaat Colorado) , wo unter dem Motto »Gestalt: Visions of German Design« eine Schau über das sog. Neue Deutsche Design gezeigt wird, das 1996 sein zehnjähriges »Jubiläum« feiert. Unter der vom Vordenker Christian Borngräber – er starb 1992 – ausgegebenen Devise »der Sehnerv darf gereizt werden, das Sitzfleisch nicht« entwickelte sich bundesweit eine vielfältige Szenerie, in der Metall zum bevorzugten Werkstoff wurde.

In einer Umfrage der Zeitschrift »Form« zur Frage »Was bleibt vom Neuen Deutschen Design?« antwortet der »Stern«-Artdirector Wolfgang Behnken: »Was vor einem Jahrzehnt noch provozierte, ist heute selbstverständlich geworden.« Die Design-Journalistin Gerda Müller-Krauspe in ihrer Antwort auf die gleiche Frage: »Es bleibt vor allem sein Fortbestand in Katalogen und in der Fachliteratur. In keiner jüngeren Periode der deutschen Design-Geschichte sind so viele Namen in die Kompendien eingegangen wie in den achtziger Jahren im Kontext des Neuen Deutschen Design.«

Eines der führenden deutschen Designer-Duos, Ginbande, das 1987 in Mailand mit seiner ausziehbaren Tisch-Bank-Kombination »tabula rasa« für Aufsehen gesorgt hatte, löst sich 1996 auf. Als Motiv führen Klaus-Achim Heine, mittlerweile Hochschullehrer in Berlin, und Uwe Fischer, in gleicher Position in Nürnberg tätig, vor allem Zeitmangel an. Als neues Zentrum für den Einkauf moderner Designprodukte in Norddeutschland eröffnet am 27. April das »Stilwerk« am Hamburger Elbufer.

Auf der Mailänder Möbelmesse 1996 setzt sich der Trend des Vorjahres fort: Funktionale Möbel mit fröhlichen Farben, wobei orange als Modeton gilt.