Die neue Weiblichkeit

Mode 1998:

Der strenge Business-Stil wird weiblicher. Zu der top-modischen, strengen Gehrock-Jacke aus Nadelstreifenstoff wird ein wadenlanger Wickelrock mit großem Blumenmuster getragen. Durch diese Art des Kombinierens wird das Männliche in Frage gestellt.

Auch die puristische Mode ist nicht mehr so pur und fern jeden Aufputzes, sondern es haben sich feminine Details eingeschlichen, wie zum Beispiel mit feinen Stiftperlen versehene Nähte oder dekorative Fältelungen. Puristen wie Jil Sander, Helmut Lang, Miuccia Prada und Tom Ford für Gucci spielen mit offenen Nähten, schmalen waagrechten Schlitzen, die mit feinen Stichen immer wieder zusammengehalten werden (Prada), oder mit auffällig betonten Nähten (Sander). Aufgesetzte Zacken oder abstehende Dreiecke werden als grafische Elemente farblich akzentuiert eingesetzt.

Im Sommer setzen sich in der jungen Mode transparente Oberteile durch. Man versteht es, mit der Durchsichtigkeit zu spielen, trägt ein Satin-Bandeau darunter oder zieht unter ein Netz-T-Shirt etwas Blickdichteres, so dass eine »Als ob«-Transparenz entsteht. Hosen und Röcke sitzen tief auf den Hüften, der modische »Ausschnitt« gilt nach wie vor dem Bauch. Der Rock, ob kurz oder lang, ist vorne asymmetrisch geschlitzt. Zu den zarten Stoffen für das Oberteil gesellen sich für Rock oder Hose derbe Wollstoffe, körnige Tweeds, sogar Filz und vor allem Leder, das einen silbrigen Glanz aufweist. Keiner der Stoffe kommt ohne einen Stretchanteil aus, denn die Devise heißt eng und bequem.

Die Modefarbe für den Winter ist ein helles Grau, das durch einen feinen Silberfaden oder vereinzelte Strasssteinchen einen weichen Ton erhält. Im Kontrast dazu steht die Haarfarbe. Das Grau scheint durch das in allen Rotschattierungen gefärbte Haar – Feuer, Kupfer oder Mahagoni – und durch blaue Lippen und Fingernägel den farbigen Ausgleich zu erhalten.

Die Designermode hat nicht an Vielfältigkeit eingebüßt. Reiches, Überladenes (John Galliano für Dior) trifft auf diskret Elegantes (Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld für Chanel, Emanuel Ungaro), futuristisch Anmutendes (Donatella Versace) auf Historisches (Vivienne Westwood).

Die Haute Couture, zumal die Kreationen der beiden Galionsfiguren John Galliano für Dior und Alexander McQueen für Givenchy, liefert neue Interpretationen der allürenhaften Art-déco-Mode von einst. Hautenge Sirenenkleider werden von weiten, oval geschnittenen Pelzmänteln umhüllt. Dem verleihen Troddeln, vielreihige Perlenketten, Spitzenapplikationen und Federboas den erwünschten Nostalgie-Effekt.

Das lange Abendkleid ist zu einem hautengen Schlauch geworden und wird auch zu kleinen Events getragen, denn es ist dank des Stretchmaterials dennoch tragbar. Sein tiefes Rückendekolleté und der sog. Schrägschnitt erinnern an die Mode der 30er Jahre. Damals hatte diesen Schnitt Madeleine Vionnet, die Grande Dame der Pariser Haute Couture, erfunden. Heute berufen sich alle großen Designer auf ihn.

Das ehrwürdige Haus Hermès engagiert Martin Margiela als Chefdesigner. Der Belgier hat sich durch seinen dekonstruktivistischen Stil mit nach außen gekehrten Nähten und Abnähern einen Namen gemacht. In seiner eigenen Modenschau lehnt er die teuren Supermodels ab und lässt seine Kreationen auf Kleiderbügeln oder Puppen vorführen. In der Männermode dominiert als neue Outdoor-Jacke die schwarze Caban-Jacke, die bei der Jugend anstelle von Blouson oder Mantel getragen wird. Dandyhaft wirkt der Gehrock, der neben einem sehr schmal geschnittenen Sakko die Designerschauen beherrscht. Als führende Herrenmodemarke gilt nach wie vor Boss. Mit »Hugo Boss Woman« ist das Unternehmen auch in die Damenmode eingestiegen.