Drei-Wochen-Reise ist out

Urlaub und Freizeit 1998:

Die hohe Arbeitslosigkeit und die geringen Lohnzuwächse schlagen in Deutschland 1998 auch auf die Tourismusbranche durch. Zwar ist die Reiselust der Bundesbürger ungebrochen, doch wird die Reisedauer immer kürzer – sie liegt durchschnittlich bei 15 Tagen; nur noch 10% unternehmen die klassische Drei-Wochen-Reise -, und immer mehr Menschen buchen ihren Urlaub kurzfristig, weil sie hoffen, auf diese Weise ein Last-Minute-Schnäppchen zu erwischen, oder weil ihre wirtschaftliche Situation langfristige Planungen nicht zulässt.

Insbesondere Familien, die vor allem in der Hochsaison die Hauptkundschaft der Pauschalreiseanbieter stellen, treten, was den Urlaub angeht, kürzer: Während der gesamte Urlaubsreisemarkt von 1995 bis 1997 um 4% schrumpfte, ging er bei Familien mit Kindern unter 14 Jahren im gleichen Zeitraum um 9% auf 12,8 Mio. Reisen zurück.

Neben Sonderangeboten und Kinderfestpreisen auch für mehr als ein Kind soll die wachsende Zahl der All-inclusive-Angebote wieder mehr Kunden anlocken. Hierbei sind die Ausgaben für Verpflegung, Ausflüge etc., die das Reisebudget oft unvorhergesehen strapazieren, schon im Buchungspreis enthalten; die Kosten der Reise werden für die Kunden sehr viel genauer kalkulierbar. 1998 bietet ein deutscher Reiseveranstalter »All-inclusive-MAXX« an. Wer hier bucht (ab 2920 DM für zwei Wochen Dominikanische Republik) muss nicht einmal eine Zahnbürste mit in den Urlaub nehmen: Am Zielort kann er sich in einer Boutique mit Kleidung und Toilettenartikel ausstatten; auch Kinderkleidung, Spielzeug oder einen Buggie gibt es auf Wunsch kostenlos. Essen und Getränke sind ohnehin im Preis enthalten.

Mancherorts beginnt allerdings schon wieder die Abkehr von den All-inclusive-Reisen, die insbesondere in der Dominikanischen Republik in den Ruf des »Sauftourismus« geraten sind, da auch alkoholische Getränke im Reisepreis inbegriffen sind. Zudem reagieren Restaurationsbetriebe in der Umgebung des All-inclusive-Clubs oder -Hotels verärgert, denn sie bekommen kaum noch etwas vom Urlaubsgeld der Inklusivtouristen ab.

Nicht nur der verregnete Frühsommer 1998, sondern auch die stabilen wenn nicht gar sinkenden Preise für Auslandsreisen sorgen dafür, dass sich der Trend zum Urlaub außerhalb der eigenen Landesgrenzen weiter verstärkt. Laut einer Umfrage des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts verbringen 23% der Deutschen ihren Urlaub im eigenen Land; die übrigen zieht es in die Ferne, vor allem nach Spanien (14%), Österreich und Italien (je 8%), nach Griechenland (6%) und in die Türkei (5%). Außerdem wollen (oder müssen) 23% 1998 ganz auf eine Reise verzichten – 1996 lag dieser Wert noch bei 21%.

Bei allem Bemühen um Sonderangebote wachsen aber auch die Ansprüche an den Urlaub. Bloße Erholung reicht vielen nicht mehr aus; gefragt sind Erlebnisse mit einer Prise Nervenkitzel – z. B. beim Überlebenstraining im afrikanischen Busch – oder »Reisen ins eigene Ich«, Angebote für Gesundheit und Selbstverwirklichung. Noch eine Preisklasse darüber boomt das Geschäft mit den »Traumschiffen«. Allein von Oktober 1998 bis Ende 1999 werden weltweit 20 neue Cruiser in Dienst gestellt; damit steigt die Bettenkapazität der Kreuzfahrtschiffe um 10% auf rd. 245 000 . Wie man neue Kundenpotenziale – jüngere Leute und Familien mit Kindern – erschließt, um diese Kapazitäten auch auszulasten, zeigt der Disney-Konzern mit seinem neuen 2400-Betten-Kreuzfahrer »Disney Magic«, auf dem ein ganzes Deck allein für Kinder reserviert ist. Ein weiteres Novum ist die Möglichkeit zum Erwerb schwimmender Eigentumswohnungen. Auf der »World of ResidenSea« gibt es Appartements von bis zu 400 m2 Größe zu kaufen; Kostenpunkt: 6,6 Mio. US-Dollar.