Es droht der Stillstand

Verkehr 1998:

Trotz immer ausgeklügelterer Technologien zur Steuerung einzelner Verkehrsmittel und trotz prestigeträchtiger schneller Einzelprojekte vor allem bei der Bahn krankt das deutsche Verkehrswesen an zunehmender Immobilität: 67 Stunden pro Jahr verbringt ein Deutscher durchschnittlich im Stau; in den Städten liegt die mittlere Geschwindigkeit bei 16 km/h; die Bundesbahn macht 1998 vor allem durch Verspätungen von sich reden, und auf den oft überfüllten Flughäfen muss man so frühzeitig zum Check-in erscheinen, dass auf kürzeren Strecken der Zeitvorteil des Fliegens oft zunichtegemacht wird. Ursache für den drohenden Stillstand ist nach Ansicht vieler Experten die mangelnde Vernetzung der einzelnen Verkehrsmittel. Um hier eine Koordination zu erreichen, wäre allerdings ein einheitliches Verkehrskonzept notwendig.

Doch schon Einzelbeispiele wie der Transrapid, die geplante Hochgeschwindigkeitsmagnetschwebebahn zwischen Hamburg und Berlin, zeigen, dass auch innerhalb der Parteien Uneinigkeit herrscht. Hatte die alte Bundesregierung von CDU/CSU und FDP das Projekt noch vorangetrieben, so ist die neue Regierung in dieser Frage gespalten. Bundeskanzler Gerhard Schröder zählt zu den Befürwortern des kostenintensiven Projekts; die Grünen, aber auch Teile der SPD lehnen es ab. Immerhin gibt es Ansätze für eine bessere Vernetzung der Verkehrsmittel. Ein Beispiel: 1998 beginnen die Bauarbeiten für den neuen Bahnhof Düsseldorf Flughafen. Hier sollen Passagiere, die per Bahn zum Flugplatz anreisen, unmittelbar nach Verlassen des Zuges an einem Check-in-Schalter ihr Gepäck aufgeben und die Bordkarte erhalten können. Das 2,5 km entfernt liegende Flughafengebäude wird dann mit einer vollautomatischen Kabinenbahn in knapp fünf Minuten erreicht.

Allen Verkehrshindernissen zum Trotz bleibt das Auto das mit Abstand beliebteste Verkehrsmittel der Deutschen: Nach einer Schätzung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung werden 1998 von insgesamt 925,6 Mrd. Personenkilometern 756,1 Mrd. mit dem Auto zurückgelegt, nur 75,5 Mrd. entfallen auf den öffentlichen Nahverkehr, 64,5 Mrd. auf die Eisenbahn und 29,5 Mrd. auf das Flugzeug.

Zwei Neuregelungen müssen die deutschen Autofahrer 1998 beachten: Am 1. Mai wird die Promillegrenze von 0,8 auf 0,5 gesenkt. Fahrer, die mit 0,5 bis 0,8 Promille Blutalkohol erwischt werden, müssen künftig mit einer Geldbuße von 200 DM und der Eintragung von zwei Punkten in der Flensburger Verkehrssünderkartei rechnen. Noch stärker alkoholisierten Fahrzeugführern droht ein befristetes Fahrverbot. Vom 1. August an ist außerdem das Fahren unter Drogeneinfluss ausdrücklich im Straßenverkehrsgesetz verboten. Schon beim ersten Verstoß sind meist 500 DM Buße, ein Monat Fahrverbot und vier Punkte in Flensburg fällig.

Zur Entbürokratisierung soll das zum 1. Mai eingeführte Kurzkennzeichen für Prüfungs-, Probe-, und Überführungsfahrten beitragen. Weil die Gültigkeitsdauer aufgeprägt ist, wird es nicht – wie seine roten Vorgänger – an die Zulassungsstelle zurückgegeben.

Viel Schelte bezieht 1998 die Deutsche Bahn AG. Unpünktlichkeit, schlechter Service und die vom 1. April an um durchschnittlich 1,84% (in den neuen Ländern sogar um 6%) erhöhten Preisen bringen die Bahnkunden in Rage. Das ICE-Unglück von Eschede lässt zudem Zweifel an der Sicherheit der Züge aufkommen. Bahn-Vorstandschef Johannes Ludewig gelobt Anfang Dezember mit dem Programm »Fitness ’99« Besserung: Vorgesehen sind u. a. die Einstellung von 150 »Pünktlichkeits- und Info-Managern« in den Transportleitstellen, die raschere Information der Fahrgäste bei Verspätungen und Entschädigung der Passagiere bei »extremen Betriebsstörungen« mit Reisegutscheinen im Wert von 50 DM.