Neues aus Medizin und Chemie

Wissenschaft und Technik 1998:

Rasante Fortschritte zeichnen sich auf dem Gebiet der Neurologie und besonders der Hirnforschung ab. So ist es z. B. am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln gelungen, mehrere Gehirnregionen zu identifizieren, in denen sich besondere Prozesse – etwa das Aussprechen von Wörtern oder Erzeugen von Verben – abspielen. So lässt sich heute z. B. nachvollziehen, wie sensorische und motorische Prozesse ineinandergreifen, wenn wir ein Objekt mit den Augen verfolgen. Damit rücken Therapien für genetisch bedingte neurologische Erkrankungen in greifbare Nähe. Auf molekularer Ebene nehmen u. a. Wissenschaftler der Universität Frankfurt a.M. neurale Krankheiten ins Visier. Um die Frage zu beantworten, wie man einem Abbau des Gehirns, z. B. bei Hirnschlag oder bei der Alzheimer Krankheit, begegnen könne, suchen sie nach molekularen Schlüsseln für den sog. NMDA-Rezeptor. Salopp ließe er sich als »Gedächtnisprotein« bezeichnen. Nicht nur als Grundlagenforschung verstehen lassen sich Untersuchungen zur Funktion biologischer Uhren. Zu den aufregenden Erkenntnissen auf diesem Gebiet gehört, dass sich Sahara-Dickschwanzskorpione während der Tageszeiten vor dem grellen Sonnenlicht durch eine »Sonnenbrille« – einen lichtreduzierenden Filter aus Schirmpigmenten vor der Netzhaut – schützen, die minutengenau durch die innere Uhr gesteuert wird. Damit zeichnen sich Therapieformen ab, die durch das gezielte Einregulieren der biologischen Uhren des Menschen z. B. Depressionen und ständige Müdigkeit heilen könnten.

Auch die Physiologie und Chirurgie verzeichnen 1998 einige beachtliche Fortschritte. Weltweit arbeiten zahlreiche Forschergruppen, in Deutschland z. B. an der Universität Freiburg i.Br., auf dem neuen Gebiet des »tissue engineering«. Es geht darum, komplette funktionsfähige Körperorgane im Labor aus körpereigenen Zellkulturen eines Patienten aufzubauen, um sie später als Implantate zu verwenden, die vom Immunsystem problemlos akzeptiert werden. Es gelang 1998 u. a., auf diese Weise ein menschliches Herz zu erzeugen.

Als chirurgische Sensation gelingt im September 1998 am Universitätsklinikum in Lyon unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler die Transplantation einer vollständigen menschlichen Hand. Sie wird einem Unfallopfer entnommen und einem amputierten Patienten anoperiert.

Zukunftsweisend ist die Entwicklung sog. intelligenter Materialien. Sie bestehen aus mit Hilfe des Computers konzipierten und dann synthetisierten Großmolekülen. Zu ihnen sollen u. a. einmal zählen: Materialien, die wie Knochen heilen, wenn sie kaputtgehen; Substanzen, die Kratzer selbst ausbessern und sich an Druck anpassen; Substanzen, die sich auf einen elektrischen Impuls hin selbst reparieren; Materialien, die wie Muskeln kontrahieren.