»Sprechende« Gebäude

»Sprechende« Gebäude
Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). By Userhelp.ch [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1998:

Das Spannungsfeld zwischen großer Geste und kleinteiligen, abwechslungreichen Strukturen, zwischen eindeutigem Symbol und anspielungsgesättigtem Detail schreitet die Architektur des Jahres 1998 aus, wobei höchster technischer Standard bei öffentlichen Gebäuden – trotz leerer Kassen – selbstverständlich ist.

Einen Geniestreich bescheinigen Architekturkritiker dem Franzosen Jean Nouvel, der Luzern mit einem neuen Kultur- und Kongresszentrum »beschenkt«. Ein gewaltiges Vordach mit messerscharfer Kante ragt in 23 m Höhe 35 m weit über die Wasserachse des direkt am See gelegenen Gebäudeensembles; die matt glänzende Unterfläche spiegelt die je nach Tageszeit und Wetter unterschiedlich reflektierende Wasseroberfläche und das Grün der Bäume. Von den drei parallel verlaufenden Gebäudetrakten des Zentrums, die durch tiefe Gräben und künstliche Wasserläufe getrennt, über Brücken aber aneinander angebunden sind, wird 1998 allein der Konzertsaal fertiggestellt. Dieser Kubus mit abgerundeten Ecken und Kanten scheint ins Foyer eingehängt. Er bietet mit der Auskleidung der Wände durch Akustikschilde und dem Akustiksegel über der Bühne höchsten Hörgenuss.

Mit Größe versucht das Musee d’Art Moderne et Contemporain in Straßburg zu beeindrucken, das der Pariser Architekt Adrien Fainsilber entworfen hat. Der leicht aus der Parallele zur Ill verschwenkte Bau, der Kunstwerke von 1870 bis in die Gegenwart beherbergt, empfängt den Besucher, der über eine breit ausladende Freitreppe und einen offenen Hof ins Foyer gelangt, mit einer 1000 m2 großen, lichtdurchströmten Glasvitrine, die aller störenden Elemente wie Treppen oder eingestellter Baukörper entkleidet ist. Bescheidener gibt sich das Museum zeitgenössischer Kunst in Helsinki, ein Werk aus Aluminium, Glasbausteinen und Messing des US-Amerikaners Steven Holl, das mit dem Beinamen »Chiasma« einen Ausdruck aus der Genetik aufnimmt: Wie sich in der Teilungsphase die Chromosomen überkreuzen, so besteht das Museum aus einem Horn, auf das wie ein Keil ein kleinerer Bau zuläuft; der Zwischenraum bietet Platz für ein transparentes Foyer. Das bläulich schimmernde Titanzinkdach hat dem Bau die Bezeichnung »blauer Wal« eingetragen.

Die im Juni nach sechsjähriger Bauzeit eröffnete Gemäldegalerie am Kulturforum Berlin, die bisher im Bodemuseum und der Gemäldegalerie Dahlem verstreute Sammlungen vereinigt und einen Überblick über die europäische Malerei vom Mittelalter bis zum Klassizismus bietet, stellt sich architektonisch in den Dienst der etwa 2700 präsentierten hochkarätigen Kunstwerke. Die Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler erschließen die Räume über eine Rotunde und führen den Besucher in zwei Rundgängen durch die Säle, die alle mit Tageslicht – in Form eines gefilterten Oberlichtes – erleuchtet sind.

Vom Kulturforum ist es nicht weit zur Daimler-City, dem am 2. Oktober eröffneten neuen Stadtquartier am Potsdamer Platz, das Daimler-Benz 4 Mrd. DM gekostet hat. Es besteht aus zehn Straßen, 19 Häuserblöcken, einem Musicaltheater, einem Spielkasino, zwei Kinos, einem Hotel, 620 Wohnungen, etlichen Büros, 30 Restaurants und Cafés sowie 110 Läden und präsentiert sich als ein Komplex unterschiedlichster Atmosphären mit lockeren und verdichteten Ensembles, munterbunten und eher düsteren Ecken, mit Gassen und Alleen. Warme Töne sind vorherrschend, denn die Chefplaner der Kunststadt, Christoph Kohlbecker und Renzo Piano, empfahlen statt Stahl, Glas und Granit als Baumaterialien Sandstein und Terracotta. Renzo Piano hat für Daimler-Benz auch das Design-Center in Sindelfingen entworfen, ein fächerförmig ausgreifendes Gebäude mit sieben unterschiedlich langen »Fingern« und sich übereinanderschiebenden Sheddächern.