Grenzen werden fließend

Wohnen und Design 1999:

Überschreitung der Kulturgrenzen, Materialmix und höchste Flexibilität sind am Ausgang des 20. Jahrhunderts die Trends im Wohndesign. Trotz des Bestrebens der Industrie, für individuelle Probleme passgenaue Lösungen zu finden, hält die Talfahrt in der deutschen Möbelbranche an. Die seit 1994 gegebene Abwärtsbewegung bei den Umsätzen deutscher Hersteller konnte 1998 mit einem Plus von 3% nur einmalig unterbrochen werden. 1999 wird das Vorjahresergebnis wiederum nur knapp erreicht. Eine Ursache für die Zurückhaltung der Verbraucher sehen Marktbeobachter in der geringen Massenkaufkraft und den unsicheren sozial- und steuerpolitischen Rahmenbedingungen. Ferner macht der Möbelindustrie der gnadenlose Preiskampf zu schaffen: Wie Lebensmittel werden auch Möbel vielfach allein über den Preis verkauft. Dies gilt natürlich kaum für hochwertige Markenware aus Deutschland oder Italien, dem Land, das in der Gunst der deutschen Kunden wieder hoch im Kurs steht. Ihre Herkunft sieht man den Möbeln im Zeichen der Globalisierung des Geschmacks allerdings immer weniger an, zumal 1999 alle Zeichen auf ein Cross-over zwischen europäischen und asiatischen Wohntraditionen stehen.

Europäische Ansprüche an Komfort und Individualität verbinden sich mit dem Bedürfnis nach Wärme und Sinnlichkeit, Ruhe und Gelassenheit, die fernöstlich inspirierte Möbel mit ihren ausgewählten Materialien und der harmonischen Balance aller Elemente ausstrahlen. Feng Shui, die Lehre von der Ausbalancierung der Raumenergien, bestimmt zunehmend die Entscheidung über die Inneneinrichtung von Büros und Privaträumen.

Für Flexibilität und Beweglichkeit sorgen nicht nur bei Arbeits-, sondern auch bei Wohnmöbeln Rollen. Der Teewagen, das praktische »Tablett auf Rädern«, ist wieder »in«, meist im transparenten Kunststoff-Look. Satz- und Beistelltische, ohnehin Musterbeispiele für leicht veränderbares Wohnen, kommen ohne Rollen kaum noch aus, und selbst die Position des Bettes im Schlafraum kann mit ihrer Hilfe leicht verändert werden.

Bei Sofas und Wohnlandschaften – wie im Vorjahr weiterhin gefragt – sorgen diverse Verstellmechanismen an Arm- und Rückenlehnen, die Möglichkeit zur individuellen Gruppierung integrierter Sitzkissen sowie eingebaute Tischchen und Hocker für Variabilität. Hier gibt man sich – auch beim Arbeiten im »Computer Divan«, bei dem Liege, Tastatur und Bildschirm eine Einheit bilden – ganz zwanglos und intim, denn für Gäste ist der Polstermöbelbereich schon seit längerem tabu. Diese werden am Esstisch empfangen und bleiben dort auch nach dem Ende des mehrgängigen Menüs gefälligst sitzen.

Bei den Möbel- und Dekostoffen ist die Rückkehr einer lange verpönten Farbe zu beobachten: Braun in allen Schattierungen vom zarten Honig- bis zum satten Bitterschokoladeton, fast stets kombiniert mit Weiß, Creme oder einem zarten Beige – und dies nicht nur bei Gardinen oder Polstermöbeln, sondern auch in der Kombination von Nussbaumholz und weißem Furnier bei Schrankwänden, Tischen und Regalen. Lammfellteppiche in Braun verstärken das Feeling der frühen 70er Jahre.

Für so gestaltete Bezirke erscheint eine gleißende Ganzraumbeleuchtung unpassend, und tatsächlich haben die Leuchten-Gestalter den Lampenschirm neu entdeckt, etwa der prominente Franzose Philippe Starck – von der Zeitschrift »Architektur & Wohnen« zum Designer des Jahres 1999 gekürt – mit seinen Kreationen »Romeo soft« und »Archimoon soft«. Bei der Bespannung der Schirmchen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Ganz altmodisch gefälteter Stoff, fernöstlich inspiriertes Papier, durchscheinendes Plastik, Zelluloidartiges oder weich satiniertes Glas sind einige Varianten.