Kluge bauliche Lösungen für vielfältige Bedürfnisse

Kluge bauliche Lösungen für vielfältige Bedürfnisse
Erweiterungsbau für das Van Gogh Museum in Amsterdam. © Foto Josef Höckner, München

Architektur 1999:

Intelligenz in der Gesamtkonstruktion und im Detail, in der genauen, aber flexiblen Anpassung an die Bedürfnisse der Nutzer, in der Reaktion auf das örtliche Umfeld und auf historische Gegebenheiten – das sind die Kennzeichen großer Architektur am Ausgang des 20. Jahrhunderts.

In der Publizität läuft der Brite Sir Norman Foster mit dem Umbau des Berliner Reichstags zum »Reichseierbecher« (Gottfried Knapp) allen den Rang ab. Mit Fosters Umgestaltung des Plenarsaals und anderer Teile des Gebäudes, das Paul Wallot 1894 in historistischen Formen erbaute und Peter Baumgarten im Stil der 60er Jahre ernüchterte, sind die Architekturkritiker nicht durchgängig glücklich – insbesondere der Plenarsaal erscheint manchem leblos. Die Glaskuppel über dem Reichstag aber, der Foster die Gestalt eines Bienenkorbs gibt, wird nach der Fertigstellung binnen Wochen zum Wahrzeichen der Hauptstadt, und das Innere der Kuppel mit zwei Rampen, die in sanften Spiralen um einen mit Spiegeln besetzten Zylinder ansteigen, bringt alle Kritik zum Schweigen.

Wie faszinierend ein Parlamentsneubau sein kann, beweist das Pariser Architecture Studio mit dem Gebäude für die Europa-Abgeordneten in Straßburg. Am Kreuzungspunkt von Ill und Rhein-Marne-Kanal haben sie ein riesiges gläsernes Schiff geschaffen, dessen Dach sanft ansteigt und dessen Fassade sich weich dem Uferbogen anschmiegt. Ein runder Turm für die Abgeordnetenbüros setzt zur Landseite hin einen Gegenakzent. Im Innern bieten die Architekten eine furiose Inszenierung urbanen Lebens – einschließlich einer Agora als dem Urort der Demokratie im antiken Griechenland.

Einen auf viel direktere Weise »sprechenden« Bau hat Daniel Libeskind mit dem Jüdischen Museum in Berlin geschaffen: Das Gebäude hat die Gestalt eines geborstenen Davidsterns; die »Achse der Vernichtung«, eine Folge leerer schwarzer Räume, die das gesamte Gebäude durchzieht, gemahnt an den Holocaust; eine »Achse des Exils« führt ins Freie, und eine »Achse der Kontinuität«, eine lange einläufige Treppe, erschließt sämtliche Ebenen.

Der Japaner Kisho Kurokawa hat sich bei seinem Erweiterungsbau für das Van Gogh Museum in Amsterdam hinsichtlich der historischen Reminiszenzen darauf beschränkt, ein Motiv des Hauptbaus von dem De-Stijl-Architekten Gerrit Rietveld aufzugreifen. Sein unterirdisch als Ellipse, überirdisch in zwei Stockwerken als Halboval geformtes Gebäude wendet dem als schlichtes Rechteck gestalteten Altbau (1973 eröffnet) seine glatte, mit Titanblech verkleidete Wand zu, aus der im oberen Geschoss ein Kubus herausragt.

Als »bestes Haus aller Zeiten« feiert das britische Magazin »Blueprint« das Wohnhaus, das der 55-jährige Niederländer Rem Koolhaas in der Nähe von Bordeaux erbaut hat. Der erste Eindruck: Aufgesetzt auf einen hell metallen schimmernden mächtigen Zylinder, ragt ein rostbraun gefärbter Betonblock in die Landschaft, ohne dass sich dem Laien erschließt, mit welcher Statik er gehalten wird.

Die ganze Raffinesse des Baus erschließt sich über die verschiedenen Treppen, Aufgänge und Lifte: Es gibt eine schmale Stiege für alltägliche Verrichtungen, eine separate Treppe für die Kinder, einen Aufgang für Gäste und – der Clou des Gebäudes, das ein auf den Rollstuhl angewiesener Verleger und Kunstsammler in Auftrag gab – eine Hebebühne, mit der der Hausherr samt seinem Schreibtisch wie in einem mobilen Arbeitszimmer durch alle drei Geschosse gleiten und die Regale seiner Bibliothek abfahren kann.