Neuer Streit um BSE

Ernährung, Essen und Trinken 1999:

Der Streit um das wegen BSE in Verruf geratene Rindfleisch aus Großbritannien gewinnt 1999 neue Brisanz. Das im März 1996 von der EU erlassene Exportverbot wird am 1. August unter Auflagen aufgehoben.

Frankreich und Deutschland halten jedoch zunächst an einem nationalen Importverbot fest und riskieren einen Konflikt mit der EU-Kommission, deren Experten Ende Oktober britisches Rindfleisch als unbedenklich eingestuft haben. Es darf aber nur Fleisch ohne Knochen ausgeführt werden; ferner muss es aus BSE-freien Beständen und von Tieren stammen, die nach dem 1. August 1996 geboren sind.

Damals hatte die britische Regierung zugegeben, dass Rinderwahnsinn (BSE) möglicherweise auch Menschen gefährden und eine Form der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit verursachen könnte.

Auch der belgische Dioxin-Skandal sorgt für Unruhe. Auch in Deutschland wird nach ungenießbaren Lebensmitteln bzw. Getränken gefahndet. Bei der Zulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel (»Genfood«) beschließen die EU-Umweltminister am 25. Juni die Überarbeitung der entsprechenden EU-Richtlinie. Danach würde die Zulassung neuer transgener Nahrungsmittel an weitere Prüfkriterien geknüpft. Überdies einigen sich die Minister auf einen Genehmigungsstopp, bis die neue Richtlinie in Kraft tritt. Dies kann noch bis 2002 dauern.

Ernährungswissenschaftler sehen eine Reihe möglicher Gefahren bei der Züchtung transgener Nutzpflanzen: Sie könnten z. B. verwildern und Lebensgemeinschaften stören, oder ihren Stoffwechsel so verändern, dass giftige Stoffe gebildet werden.

Der Lebensmittelkonzern Nestlé nimmt den aus genverändertem US-Mais hergestellten Schokoriegel »Butterfinger« im Juli vom deutschen Markt. Seit 1998 hatte die Umweltschutzorganisation Greenpeace dagegen protestiert. Nach einer vom US-Chemiekonzern Monsanto in Auftrag gegebenen europaweiten Umfrage lehnen in Deutschland 80% der Befragten die genetische Modifizierung von Lebensmitteln ab.

Am 13. Oktober erklärt nach anderen großen Einzelhändlern auch die Supermarktkette Aldi den Verzicht auf Gentechnik in den Eigenmarken. Der Discounter folgt damit dem Beispiel von Handelshäusern wie Metro, Edeka, Rewe, Spar und Lidl.

Das Robert-Koch-Institut in Berlin genehmigt am 19. Juli den bundesweit ersten Freilandversuch mit gentechnisch veränderten Weinstöcken im südpfälzischen Siebeldingen. Die Weinstöcke sollen widerstandsfähig gegen Pilzkrankheiten werden. Bei Öko-Winzern und Umweltschützern stößt dies auf Protest.

Ganz auf gesunde Nahrung setzen die Aussteller auf der Ernährungsmesse ANUGA 99 im Oktober in Köln. Das entsprechende Angebot reicht von der cholesterinfreien Nudel bis zum Ballaststoff-Getränk, von Molkereiprodukten ohne Konservierungszusätze bis zum lactosefreien Eis. Allerdings werden in Deutschland nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) nur etwa 1,2% aller Nahrungsmittel ökologisch erzeugt. In Österreich sind es 10%, in der Schweiz knapp 8%. Nur etwa 1,3% aller deutschen landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaften ökologisch.

Die deutschen Winzer rechnen dank der langen und warmen Trockenzeit mit Sonnenschein bis weit in den Herbst hinein mit einem guten Jahrgang. Der 99er könnte sich vielleicht sogar unter die Spitzenweine des Jahrhunderts (1911, 1921, 1953, 1959, 1971, 1976 und 1993) einreihen. Biertrinker müssen sich in Zukunft umgewöhnen: Im August gibt es in Dänemark den Gerstensaft erstmals in Plastikflaschen. Als Ergebnis eines Ideenwettbewerbs soll – so wird im Oktober bekannt – »nicht mehr durstig« künftig »sitt« (analog zu »satt«) heißen.